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Tradition und Innovation

Wie zeitgenössische Architektur Alta Badia neu definiert

Veröffentlicht am 25.11.2025

Südtirol hat sich als einer der bedeutendsten Bezugspunkte der zeitgenössischen italienischen Architektur etabliert: eine Region, in der eine vorausschauende lokale Planungspolitik über die Jahre eine markante architektonische Identität hervorgebracht hat, die im gebauten Umfeld ihren authentischsten Ausdruck findet. Dieser besondere Charakter entspringt einem spezifischen Gestaltungsansatz, in dem Tradition und Moderne in einen konstruktiven Dialog treten – und so Lösungen hervorbringen, die fest im lokalen Kontext verankert sind.
Vor diesem Hintergrund steht Alta Badia beispielhaft für ein Tal, in dem sich zeitgenössische Architektur den Herausforderungen einer Landschaft stellt, die keine Kompromisse zulässt. Planen bedeutet hier, ein Gleichgewicht zu finden zwischen dem Respekt vor überlieferter Tradition und der Notwendigkeit, sich den Anforderungen eines sich stetig wandelnden Tourismus’ anzupassen – und dabei räumliche wie kulturelle Gegebenheiten in kreative Möglichkeiten zu verwandeln. Es ist die Kunst, mit dem Bestand zu arbeiten, die Notwendigkeit zur Tugend zu machen und mit jedem neuen Projekt das Verhältnis zwischen Bauwerk und Landschaft neu zu definieren.
Das Gespräch mit Birgit Kostner (Kostner Architekten), Daniel Tolpeit und Jan Marc Castlunger (Castlunger Homes) sowie Emanuel Kostner (Studio Kostner) eröffnet einen vielschichtigen Einblick auf die zeitgenössische Architektur Alta Badias.

Im Dialog mit der Topografie

Die Landschaft von Alta Badia erzählt – anhand ihrer Bautypologie – eine lange Geschichte der Anpassung und des Dialogs mit einer Umgebung, die seit jeher nach einfallsreichen Lösungen verlangt. Die alten Viles – jene bäuerlichen Siedlungen, die das Tal bis heute prägen – entstanden aus der Notwendigkeit, im Einklang mit einem Gebiet zu leben, in dem jeder Quadratmeter dem Gelände mühsam abgerungen wurde und jedes bauliche Element einer klaren Funktion und nicht als Zierde diente. Heute nimmt diese Anpassungsfähigkeit eine neue architektonische Formensprache an, indem Beschränkungen in gestalterische Ressourcen verwandelt werden. „Die leicht zugänglichen, ebenen Bauflächen sind inzwischen alle verbaut“, erklärt Architektin Birgit Kostner von Kostner Architektur und bringt damit eine der zentralen Herausforderungen auf den Punkt, mit denen Architekten im Tal heute konfrontiert sind. „Fast all unsere Projekte entstehen in Hanglage unter teils schwierigen und komplexen Rahmenbedingungen. Die meisten Lösungen besprechen wir deshalb mit den Handwerkern direkt vor Ort”, erklärt sie und beschreibt damit eine Arbeitsweise, bei der spontane Entscheidungen zu einem Teil des Entwurfsprozesses werden und Lösungen aus der unmittelbaren Zusammenarbeit unterschiedlicher Kompetenzen entstehen.
Architekt Emanuel Kostner vom Architekturstudio Kostner ergänzt diese Überlegung um eine zeitliche Dimension, die das Gesamtbild noch komplexer macht: Bei touristisch genutzten Gebäuden müssen die Arbeiten in Zeitfenstern von drei, höchstens vier Monaten stattfinden, also zumeist in der Nebensaison, wenn keine Gäste das Tal besuchen. Diese zeitliche Beschränkung beeinflusst sowohl den Entwurfsprozess als auch die Baustellenorganisation, wo enge Zeitfenster eine besonders präzise und sorgfältige Planung erfordern.

Jenseits des touristischen Blicks

In einem Gebiet zu arbeiten, das so stark von seiner Landschaft und Kultur geprägt ist, birgt das Risiko, sich dem vertrauten Blick zu beugen, mit dem Besucher:innen diesen Ort typischerweise wahrnehmen. Doch gerade diese einengende, wenn auch oft beruhigende Sichtweise, gilt es zu überwinden, denn Berge sind ihrem Wesen nach ständig im Wandel und Veränderung liegt gewissermaßen in ihrer DNA. Der Blick jenseits dieser touristischen Sichtweise bedeutet anzuerkennen, dass die Berge selbst Ausdruck kontinuierlicher Transformation sind. Diese Entwicklung architektonisch aufzugreifen ermöglicht es, einen Kontext aufzuwerten der allzu oft auf eine bloße landschaftliche Kulisse reduziert wird.
„Unser Ziel ist es nicht, bereits Bestehendes zu kopieren, sondern lokale Architektur zeitgenössisch zu Interpretieren und weiterzuentwickeln“, erklärt das Team von Castlunger Homes. Diese Haltung manifestiert sich in einem ebenso einfachen wie grundlegenden Prinzip: „Ladinische Architektur lebt nicht von Kopien, sondern von Authentizität.“ Ein Grundsatz, der weniger an der formalen Gestalt festhält, sondern vielmehr den Geist einer Tradition bewahrt – einer Tradition, die heutigen Anforderungen mit logischen und passenden Lösungen begegnet.
Emanuel Kostner ordnet die Thematik in einen größeren Zusammenhang ein: „Das Tal hat einen tiefgreifenden Wandel erlebt – von einer bäuerlich geprägten Region hin zu einem internationalen Reiseziel.“ In den achtziger und neunziger Jahren entstanden deshalb oft überdimensionierte Gebäude, die wortwörtlich aus dem Rahmen fielen und keinen wirklichen Bezug zur bestehenden Landschaft herstellten. Heute hingegen zielt die Arbeit der neuen Architektengeneration auf eine bessere Einbettung der Bauten in die Landschaft und auf harmonische, auf den Kontext abgestimmten Bauvolumen ab.

Der Wert des lokalen Handwerks

Eine weitere Möglichkeit, Erinnerung wahrzunehmen und Tradition wertzuschätzen, zeigt sich in der Beziehung zum lokalen Handwerk. Dabei handelt es sich nicht um eine nostalgisch motivierte Entscheidung, sondern um eine bewusste Strategie, die es ermöglicht, traditionelle Techniken und Materialien zeitgenössisch zu interpretieren. „Materialien sind ohne Zweifel ein Bereich, in dem wir uns intensiv mit der Tradition auseinandersetzen“, bemerkt Birgit Kostner mit dem Pragmatismus einer Person, die weiß, dass sich jedes Projekt letztlich auf konkrete Entscheidungen zurückführen lässt. Holz aus heimischen Wäldern, Kalkputze, Verarbeitungstechniken, die über Generationen weitergegeben wurden – all das wird zum Vokabular, mit dem neue Architektur geschrieben wird. Lokale Handwerker werden aufgrund ihrer besonderen Fertigkeit hinzugezogen, um Materialien fachkundig zu bearbeiten und Wissen weiterzugeben, das andernfalls verloren gehen könnte. Das Projekt Ciamplò, entworfen von Kostner Architekten, ist hierfür ein eindrückliches Beispiel: „Das Generationenhaus steht für gelebte lokale Handwerkskunst. Der Bauherr hat das Holz selbst geliefert, wir haben ausschließlich mit örtlichen Betrieben zusammengearbeitet und die Zusammenarbeit war hervorragend“, berichtet Birgit Kostner. Handgefertigte Fliesen, Sichtbeton, von lokalen Handwerkern geformt: Das Ergebnis zeigt, wie der Dialog zwischen Architekt:innen und Handwerker:innen eine Bauqualität hervorbringt, die in dieser Form nur mithilfe von Leidenschaft und ortsspezifischem Wissen entstehen kann.

Eine Landschaft im Wandel

Doch die Intensivierung des Tourismus hat das Erscheinungsbild der Landschaft im Laufe der Jahre erheblich verändert. Heute begegnet man diesem Thema mit deutlich mehr Bewusstsein. „Die Hotelbauten orientieren sich weitgehend an qualitativen Kriterien und folgen den örtlichen Planungsrichtlinien“, beobachtet Emanuel Kostner und beschreibt damit eine Entwicklung im Hotelsektor, die auf eine Verbesserung der Standards sowie auf Beherbergungsformen abzielt, welche die Besonderheiten des Ortes hervorheben und gleichzeitig die ökologische Belastung reduzieren. Was die drei Studios miteinander verbindet, ist die Sensibilität für den Kontext und die bewusste, heute fast unzeitgemäß wirkende Entscheidung, in der Heimat zu bleiben und diese Verwurzelung nicht als Einschränkung, sondern als Mehrwert zu begreifen. Ihr Blick ist der jener Menschen, die Orte bis ins Detail kennen und trotzdem offen bleiben für die Veränderungen, die die Gegenwart erfordert – in einem sensiblen Gleichgewicht zwischen Zugehörigkeit und Erneuerung. Diese Haltung steht in jener Forschungstradition, die Südtirol seit Jahrzehnten prägt. Einer Tradition, in der die tägliche Auseinandersetzung mit der Komplexität der alpinen Landschaft Architekt:innen zu einer Arbeitsweise geführt hat, die auf Zuhören und Sensibilität, auf Geduld und Entschlossenheit basiert. Es handelt sich nicht um reine Experimentierfreude, sondern um eine gefestigte Praxis, die in Alta Badia aufgrund der kulturellen und landschaftlichen Vielschichtigkeit auf besonders fruchtbaren Boden trifft. Ihre Entscheidung, im Tal zu arbeiten, zeugt von der Fähigkeit, das Neue nicht als Bruch, sondern als Weiterführung des Bestehenden zu begreifen. Eine Haltung, die das Wesen der Südtiroler Architektur prägt. Sie entwickeln spezielle Lösungen, die sensibel auf die Besonderheiten eines Gebiets reagieren, in dem der Tourismus einzigartige Formen und Dimensionen angenommen hat. Ihre Arbeit zeigt, dass es möglich ist, eine Gegenwart zu gestalten, die zugleich respektvoll gegenüber der Vergangenheit und offen für Veränderung ist. Eine Architektur die stets sensibel auf den Kontext reagiert und jene lokalen Fähigkeiten fördert, die ein unersetzbares kulturelles Erbe darstellen. Ein Ansatz, der sich kontinuierlich weiterentwickelt und in diesen alpinen Tälern einen fruchtbaren Boden findet, um zu wachsen und zu reifen.

Simona Galateo ist Architektin, Herausgeberin und Kuratorin. Sie hat in Ferrara und Brighton studiert und am Politecnico in Mailand promoviert. Galateo hat Bücher herausgegeben, für Zeitschriften wie Abitare, Domus und Arquitectura Viva geschrieben und bedeutende Ausstellungen kuratiert, darunter für die Biennale von Venedig und die Mailänder Triennale. Zudem ist sie Herausgeberin von Turris Babel und wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Freien Universität Bozen.

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