Tracht im Gadertal
Die Geschichte der traditionellen Kleidung
Nach wie vor ist die Feststellung Paul Tschurtschenthalers vom Jahre 1935 (Der Schlern) für die Frauentrachten zutreffend: „Im ladinischen Gadertal kleidet man sich heute noch wie im Haupttal, nur mit geringen Abweichungen der Winterärmel, auch ladinisch ‚tscheapl‘, die aus grünem Lodenstoff und länger getragen wurden, und des Brautgürtels, der vom nachbarlichen Grödental übernommen wurde und ‚centunje‘ hieß.“
Vom selben Autor stammen auch folgende Feststellungen zur Brauttracht: „So trug die Braut im Gadertal, solange eine eigene Brauttracht bestand, also bis in die 1880er Jahre, noch die einfache, weißleinene Schürze mit rotem Seidenband, einem solchen an der Seite und mit einem schmalen Spitzenbesatz. Der Schalk (Jacke) hatte auch den altertümlichen Schnitt bewahrt und fiel glatt über die Hüften herab, war rot ausgeschlagen und bestand aus grünem Wollstoff, den wir auch bei der Brauttracht in Kastelruth sehen. Der Gürtel ist ähnlich jenem von Gröden und heißt ‚centunje‘ “ (Tiroler Heimatblätter 1932).
Ein bisher bekleidungsgeschichtlich nicht analysiertes Bild von Gadertaler Trachten zeigt den starken Einfluss der Unterpustertaler Trachten auf den ladinischen Raum. Es handelt sich um eine Kirchenfahne des 18. Jahrhunderts aus La Val. Die Frauen tragen flache schwarze Hüte, einen Halsflor und über dem roten Brustlatz mit Schnürung einen spitzenbesetzten Goller. Die Frau ganz rechts zeigt mit ihrer dunklen, grün eingefassten Jacke und den breiten grünen „Armstutzen“ die enge Beziehung zum Landgericht Bruneck. Der barhäuptige Mann hinter dem Priester trägt den ebenso im Pustertal als Hochzeitsrock getragenen langen Rock mit Brustfleck und Halsflor. Der weiße Kragen und die ihm vorausgegangene ältere Mühlsteinkrause wurden im Bild durch ein dunkles Halstuch aus Seide ersetzt. Der schwarze Flor ging von Venedig aus, wo eigene Florhändler dieses praktische Kleidungsstück sogar auf süddeutschen Märkten erfolgreich umsetzten.
Figurinen für Trachtensammler
Alle Museumstrachten sind für Sammler von den herstellenden Figurenschnitzern aus Gröden zusammengestellt worden, was ihren Wert als verlässliche Quelle des ländlichen Kleidungswesens stark reduziert.
Im Bozner Stadtmuseum befindet sich eine Trachtenfigur einer Enneberger Brauttracht, die die Familie Moroder aus Gröden zirka 1890 dem Museumsverein verkauft hat. Die zeitliche Einordnung und die Verlässlichkeit des Kleiderensembles ist, im Unterschied zur Ennebergerin im Germanischen Nationalmuseum in Nürnberg, schwer bestimmbar.
Die Ennebergerin im Germanischen Nationalmuseum von Nürnberg
Auch dieses Stück geht einwandfrei auf die Provenienz des Antiquitätenhandels der Moroder-Lusenberg von Gröden zurück. Im Jahre 1932 kam die Sammlung Kling in das Germanische Nationalmuseum. Diese enthielt u. a. auch ein Enneberger Trachtenpaar. Der Mann ist durch die Kriegsgeschehnisse des letzten Weltkrieges leider verloren gegangen, aber es haben sich Zeichnungen, die sich im Volkskunstmuseum Dietenheim befinden, erhalten. Der verschollene stehende Mann mit Pfeife und Stock ist in einem Musterkatalog der zum Verkauf bestimmten Figuren (signiert Moroder 1892) dokumentiert. Es handelt sich um die Tracht eines verheirateten Mannes, den die braune Joppe mit grünem Besatz, der rote Brustfleck und der breite, dunkle Hut mit grüner Einfassung als Pustertaler ausweist, und sie belegt, dass die Pustertaler Tracht bis ins Gadertal reicht.
Was die Figurine der jungen Frau aus dem Enneberg betrifft, so hat sie die Kriegsgeschehnisse gut überstanden und wurde durch Claudia Sellheim einer genauen zeitlichen Analyse der Trachtenteile unterzogen: Kopfbedeckung: Fatzelhaube, um 1825–1850, weiße Baumwolle; Halsflor: Seide, um 1800–1850; Goller: um 1840-1860, Leinen; Mieder: um 1825–1860, Seidenbandbesatz, Baumwoll-Samt-Bänder grün; Brustlatz: Seide, rot, um 1825–1875; Untermieder: „Unterärmel“, um 1840-1850, Leinen, floreales Muster; Hemd: um 1850, Leinen; Schürze: um 1830–1870, Leinen, dunkelblau; Überärmel: „Armstutzen“, Wolle, schwarz, um 1840–1860; Strümpfe: rote Wolle, um 1825–1875; Schuhe: von 1825–1860.
Resultat war, dass die Künstlerfamilie Moroder-Lusenberg offenbar einzelne Trachtenteile zu einer Enneberger Frauentracht zusammengestellt hat.
Bei der Enneberger Brauttracht im Bozner Stadtmuseum ist der breite, schwarze Hut mit Gupfteil, der durch Abbinden zu einer kleinen Kugel geworden ist, besonders interessant. Dieser sogenannte „Knödelhut“, mit bunten Bollen besetzt, kommt auch im Pustertal, in Kastelruth und Gröden vor.
Der Goller (von „collo“) ist mit Spitzen besetzt und ist ein gefältelter Kragen. Die Jacke ist blau, aus leichtem Strichloden, hüftlang, Bogennähte, abgeschnittener Rücken, glockenartiger Schnitt mit Manschettenstulpen. Das Schnürmieder ist mit breiten, hellgrünen Gallonbändern eingefasst, wobei die Unterlage aus rotem Loden besteht. Der Brustlatz ist mit dunkelgrünen Seidenbändern eingefasst. Der Rücken ist vollkommen mit abgesteppten grünen Samtbändern bedeckt. Bei dieser reichen Bandführung leuchtet nur an wenigen Stellen der rote Goldbrokat durch. Typisch für den Großraum Pustertal ist die Tatsache, dass das Mieder nach oben in einer kleinen Spitze ausläuft. Die Verlässlichkeit des Kleiderensembles (Brauttracht) ist auch hier schwer bestimmbar.
Außerdem gibt es im Tiroler Volkskunstmuseum in Innsbruck eine Trachtenfigur von Virgil Rainer mit folgender Bezeichnung: Enneberg, Pustertal, Festtracht eines Bauernmädchens im Brautstand, 1800–1860. Auch hier ist die Zeitstellung keinesfalls belegbar, genauso wenig wie das Ensemble der einzelnen Trachtenteile. Auffallend ist der schmalkrempige, flache Hut mit Bollen und die fehlende weiße Schürze (blauer Schurz), im Unterschied zu der gekleideten Figur im Bozner Stadtmuseum.
Ohne Zweifel sind, trotz der beschränkten Quellenlage, die Zusammenhänge zwischen den Pusterer Trachten und solchen, die aus dem Enneberg stammen, sehr eng. Eigenständigkeiten sind lediglich nachweisbar, was die Frauentrachten, vor allem die Hochzeitsbekleidung betrifft. Die fotografische Dokumentation setzt erst in einer Zeit ein, als selbst das festtägliche Trachtentragen abgekommen war.
Hon.-Prof. Univ.-Doz. DDr. aus Bozen, ist Numismatiker, Trachtenkundler und Wirtschaftshistoriker und Mittelalterarchäologe. Er studierte Wirtschaftswissenschaften in Florenz und Geschichtswissenschaft in Innsbruck, promovierte in beiden Fächern und habilitierte sich 2000 in Mittelalter- und Neuzeitarchäologie. Als Obmann des Heimatschutzvereins Bozen/Südtirol und langjähriger Präsident der Stiftung Bozner Schlösser kuratierte er zahlreiche Ausstellungen und begründete eine wissenschaftliche Publikationsreihe zu den Trachten Tirols. Er ist Vorsitzender der Arbeitsgruppe „Unsere Tracht“, die sich mit der Erforschung historischer Volkstrachten und Beratung von Trachtenträgern beschäftigt.