Sicher(heit) in den Bergen
Gespräch mit Fabian Oberbacher von Aiüt Alpinisć Alta Badia und Aiüt Alpin Dolomites
Berge haben viele Gesichter, sie sind so facettenreich wie ihr Gestein. Da ist der malerische Berg, Sinnbild unberührter Natur, dessen alpine Flora und Fauna sich zu jeder Jahreszeit neu entfaltet. Da ist der Berg der Kletterer:innen und Alpinist:innen, der Schritt für Schritt erschlossen wird, im Rausch um Höhenmeter und Gipfel. Und dann gibt es den Berg des Wintersports, ein Ort zum Skifahren, Snowboarden, Rodeln oder Eisklettern. Berge sind alles andere als starr. Trotz der scheinbar unbeweglichen, uralten Masse sind sie voller Leben: Menschen durchqueren sie, leben und arbeiten auf ihnen, erforschen und erhalten sie. Rund um die Berge geschieht vieles. Sie sind ein komplexer Lebensraum im ständigen Wandel, Spiegel globaler Klimaveränderungen, aber auch Ausgangspunkt neuer wirtschaftlicher, sozialer und touristischer Modelle. Deshalb ist es notwendig, sich täglich mit ihnen auseinanderzusetzen, um sie in Sicherheit und mit Ruhe zu erleben und Gefahren zu erkennen, ohne sich von Klischees oder oberflächlichen Darstellungen wie romantischen Ansichtskarten oder idyllischen Social Media Posts beeinflussen zu lassen.
„Gefahren dürfen in den Bergen niemals unterschätzt werden. Das gilt gleichermaßen für Einheimische, Expert:innen, Tourist:innen und Gelegenheitsbesucher:innen“, betont Fabian Oberbacher, Präsident von Aiüt Alpinisć Alta Badia und Vizepräsident von Aiüt Alpin Dolomites sowie stellvertretender Kommandant der Freiwilligen Feuerwehr Colfosco, erfahrener Alpinist und Ausbilder im italienischen Lawinendienst und Leiter der Bergrettung Alta Badia.
Seit über einem halben Jahrhundert ist der Berg- und Hubschrauberrettungsdienst in den ladinischen Dolomiten – von Alta Badia über Gröden bis ins Fassatal – aktiv, in einem Gebiet, in dem die Berge nicht nur Landschaft, sondern Ausdruck einer tief verwurzelten Identität sind. Gegründet wurde der Aiüt Alpinisć Alta Badia im Jahr 1956, in einer Zeit starken touristischen Wachstums, als Orte wie Corvara, Colfosco und La Villa und Bergformationen wie die Sellagruppe, der Sassongher und die Geisler immer mehr Besucher:innen anzogen. Ziel war es, die spontane Hilfsbereitschaft von Bergführer:innen und Einheimischen in einen strukturierten Rettungsdienst zu überführen: mit einer durchgehenden Einsatzbereitschaft auch an Feiertagen sowie in der Sommer- und Wintersaison. Der Aiüt Alpin Dolomites hingegen wurde 1990 aus den vier „Mannschaften“ der vier Täler rund um den Sella gegründet.
Schon der Name „Aiut Alpin“ (Ladinisch für Alpine Hilfe) verweist auf die enge Verbindung zur lokalen Kultur und Tradition. Bis heute bewahrt die gemeinnützige Vereinigung ihren für die ladinische Kultur typischen gemeinschaftlichen und freiwilligen Charakter und verbindet ihn zunehmend mit hochspezialisierten technischen Kompetenzen. Die Retter:innen sind Bergführer:innen, Skilehrer:innen, Handwerker:innen, Hoteliers: Menschen aus dem Tal, die neben Beruf und Familie rund um die Uhr bedingungslos Bereitschaft leisten. Hinter vielen von ihnen liegen Jahrzehnte stiller Arbeit abseits der Öffentlichkeit und geprägt von technischer wie auch menschlicher Verantwortung.
Ein entscheidender technischer Entwicklungsschritt erfolgte in den 1980er- und 1990er-Jahren: Der Verein führte den systematischen Einsatz von Hubschraubern bei Rettungen an Felswänden ein, spezialisierte sich auf Lawinenrettung und Einsätze in vertikalem Gelände und entwickelte integrierte Einsatzprotokolle im Rahmen des Provinzsystems. Eine zentrale Figur dieser Phase war Gino Comelli, Bergführer aus Alba di Canazei und Leiter der Bergrettung Alta Fassa. Als Mitinitiator der Flugrettung, Präsident in den frühen 1990er-Jahren und langjähriger Seilwindenbediener absolvierte er über 3.000 Einsätze und rund 4.000 Flugstunden. Er verstarb 2024. An seiner Seite standen Persönlichkeiten wie Raffael Kostner, Willy Costamoling und viele langjährige Stationsleiter, die über Jahrzehnte hinweg Ausbildung, Organisation und operative Kontinuität sicherten.
Heute zählt Aiüt Alpin Dolomites 19 Teams, die vor allem in den ladinischen Dolomitenregionen angesiedelt sind. Sie kommen bei Unfällen auf Wanderwegen, Klettersteigen, in Felswänden, Gletscherspalten oder auf Skipisten zum Einsatz und arbeiten eng mit der europäischen Notrufnummer 112 zusammen. Der in Pontives bei St. Ulrich stationierte Rettungshubschrauber erreicht die wichtigsten Einsatzgebiete innerhalb weniger Minuten und kooperiert mit Bergrettung, Gesundheitsdiensten und Ordnungskräften. Zu den Einsätzen zählen Bergungen von Alpinist:innen und Wanderer:innen in Notlagen, dringende medizinische Transporte sowie Rettungsaktionen im Hochgebirge. Jährlich finden zahlreiche riskante Interventionen statt, bei denen auch die Retter:innen selbst Gefahren ausgesetzt sind. Die Hilfsaktionen reichen von Rettungen unter extremen Wetterbedingungen, oft in Gelände, das selbst für Hubschrauber nur schwer zugänglich ist – etwa an besonders ausgesetzten Felswänden oder in engen Rinnen –, bis hin zur Suche und Bergung von Personen, die in Skigebieten verunglückt oder verschüttet wurden. Besonders heikel sind solche Einsätze aufgrund möglicher Nachlawinen und der Notwendigkeit, unter großer Zeit- und Kältebelastung zu handeln.
Wie Fabian Oberbacher erklärt, „konzentrieren sich viele Einsätze auf besonders kritische Bereiche: schattige Hänge, lawinengefährdete Zonen im Winter oder Bereiche mit dichter Nebelbildung“. Häufig handle es sich um Orte, „die man unter normalen Umständen vielleicht meiden würde. Doch begrenzte Urlaubszeit, bereits geplante Touren und bereits getätigte Ausgaben führen oft dazu, dass Menschen dennoch aufbrechen“.
In den letzten Jahren zeichnet sich neben den klassischen Unfällen im Zusammenhang mit Alpinismus und Bergwanderungen sowie einzelnen, eher außergewöhnlichen Fällen bei Extremsportarten wie Basejumping eine neue Tendenz ab, dessen Gefährlichkeit noch häufig unterschätzt wird: jene des Mountainbikens, insbesondere mit E-Bikes. „Heute ist der Aufstieg kaum noch das Problem. Dank des Akkus erreicht fast jede:r problemlos höhere Lagen. Die eigentliche Herausforderung liegt in der Abfahrt, vor allem auf Schotterwegen. Ohne entsprechende Erfahrung kommt es schnell zu Stürzen und das oft mit schwerwiegenden Folgen.“ Auch soziale Medien spielen dabei eine wachsende Rolle. „Nur allzu oft werden spektakuläre Orte gezeigt, was dazu führt, dass immer mehr Menschen diese besuchen wollen – häufig, um Fotos für ihre eigenen Accounts zu machen. Dabei werden Risiken und die tatsächlichen Bedingungen oft unterschätzt“, erzählt Oberbacher. Dieses ästhetische, aus dem Kontext gelöste Bild kann so eine trügerische Sicherheit vermitteln.
Vorbeugung bleibt daher der wichtigste Schlüssel, ist jedoch in einer international stark frequentierten Region wie Alta Badia nicht immer einfach umzusetzen. „Jedes Jahr kommen Menschen aus Deutschland, Osteuropa, Amerika oder Nordeuropa zu uns. Viele konsultieren jedoch weder die lokalen Wetterberichte noch die Lawinenlageberichte – nicht weil diese schwer zugänglich wären, sondern weil sie oft gar nicht wissen, dass es sie gibt oder es nicht gewohnt sind, solche Informationen einzuholen“, so Oberbacher. Wer in der Stadt lebt, überprüft selten die Bedingungen, bevor er das Haus verlässt – in den Bergen jedoch ist genau das entscheidend.
Oberbachers Rat ist einfach, aber wichtig: „Sich informieren. In der Unterkunft nachfragen, welche offiziellen Informationsquellen konsultiert werden sollten, sich an Tourismusbüros wenden, an Bergführer:innen oder Skischulen, die auch Sommeraktivitäten anbieten. Die Informationen sind vorhanden, man muss sie nur suchen.“
Doch wie viel Vorbereitung steckt eigentlich hinter einer Rettungstätigkeit, die schnelle Einsätze, technische Entscheidungen und große Verantwortung erfordert? Hinter jedem Einsatz steht eine rigorose und kontinuierliche Ausbildung. „Es gibt eine Grundausbildung für den Eintritt in die Bergrettung, danach folgen weiterführende Spezialisierungen bis hin zum/zur Bergrettungstechniker:in. Wer im aktiven Dienst steht, muss regelmäßig an Fortbildungen teilnehmen.“ Die Ausbildung umfasst nicht nur Rettungs- und Bergungstechniken, sondern auch den medizinischen Bereich – von der Ersten Hilfe bis zur Unterstützung der Notärztin oder des Notarztes während der Rettungseinsätze. Und dann gibt es noch die emotionale Dimension. „Nach besonders kritischen und belastenden Einsätzen finden Nachbesprechungen statt. Dabei wird das Geschehene analysiert und bei Bedarf werden spezialisierte Fachkräfte hinzugezogen. „Denn“, so Oberbacher, „was man bei einem Einsatz erlebt, vergisst man nicht. Etwas bleibt immer zurück“.
Die abschließende Botschaft von Fabian Oberbacher ist daher ein Appell an die Eigenverantwortung: „Der Berg ist immer noch derselbe wie vor tausend Jahren – auch wenn er heute zugänglicher wirkt. Hütten und Aufstiegsanlagen ermöglichen es, große Höhen leicht zu erreichen, doch genau das kann eine trügerische Sicherheit vermitteln.“ „Selbst an einem sonnigen Tag“, so erinnert er, „kann das Thermometer innerhalb kürzester Zeit von +15 auf –5 Grad fallen, mit Schnee sogar im August. Das passiert häufiger, als man denkt“.
Trotz Infrastruktur und touristischen Verbänden bleibt die Bergwelt ein unberechenbarer Raum. Erst wenn das Wetter umschlägt oder ein unerwartetes Ereignis eintritt, „merkt man plötzlich, dass man wirklich in den Bergen ist. Doch manchmal ist es dann schon zu spät“, schließt Oberbacher. Sich informieren, auf die Erfahrung der Profis vor Ort vertrauen und die Signale von Wetter und eigenem Körper beachten – Kleinigkeiten, die den entscheidenden Unterschied machen.
Maria Quinz ist freie Journalistin, Texterin und Übersetzerin. Mit besonderem Interesse an Design, Kunst und Kino schreibt und entwickelt sie Inhalte für Web- und Printmedien im Kultur- und Lifestylebereich. Ursprünglich aus Bozen stammend, lebt und arbeitet sie in Mailand.