Rait de San Linert
Eine Gemeinschaft reitet durch die Zeit
9. November 2025. Badia. Der Novemberhimmel ist außergewöhnlich klar an diesem Morgen. Die Luft ist frisch und der Herbst hier im Tal bereits weit fortgeschritten. Die strahlende Sonne und das wolkenlose Blau scheinen den Winter, der bald Wiesen und Gipfel mit Schnee überziehen wird, noch ein wenig hinauszuzögern. Im Dorf herrscht reges Treiben und ich beschließe, schon früh vor Ort zu sein, um einen guten Platz in der ersten Reihe zu ergattern und ja nichts von dem Schauspiel zu verpassen, das gleich beginnen wird. Schon an den lächelnden Gesichtern der Menschen um mich herum, die gerade aus der Messe kommen, und der vibrierenden Spannung in der Luft merke ich: Die Teilnahme am Ritt des Heiligen Leonhard in seinem 25. Jubiläumsjahr ist weit mehr als ein bloßes Ereignis, es ist eine gelebte, gemeinsame Erinnerung.
Ursprünglich zu Ehren des Heiligen Leonhard, Schutzpatron der Tiere und Bauern, entstanden, ist der Leonardiritt – auf Ladinisch Rait de San Linert – heute weit mehr als nur ein Umzug. Es ist eine vielschichtige und facettenreiche Veranstaltung, die Kultur, Landwirtschaft, Musik, Gastronomie und vor allem Gemeinschaftssinn miteinander verbindet. Die Ausgabe, der ich heute beiwohnen werde, ist von noch größerer symbolischer Bedeutung: Sie feiert nicht nur 25 Jahre seit der Gründung, sondern fällt gleichzeitig auch auf den 700. Jahrestag der ersten schriftlichen Erwähnung des Dorfes Badia. Ein doppelter Anlass, der das tiefe Verständnis für die lange Geschichte dieses Tals – geprägt von Kontinuität, langsamen Veränderungen und festen Wurzeln – verdeutlicht.
Die Hauptakteure sind immer dieselben: 200 Pferde, darunter Noriker und Haflinger, begleitet von Züchter:innen aus ganz Südtirol und den ladinischen Tälern. Tiere, die über Jahrhunderte hinweg aus dem Alltag in den Bergen nicht wegzudenken waren. Vor der Mechanisierung der Landwirtschaft waren Pferde nicht nur Arbeitskraft und Transportmittel, sondern auch stille Gefährten für die Menschen auf den Feldern und in den Wäldern. So erzählt es Manfred Canins, Herz und Kopf der Veranstaltung, mit Klarsicht und Herzlichkeit: „Als ich sechzehn war, verletzte sich mein Onkel und ich musste alleine das gesamte Heu mit dem Pferd ins Haus bringen. Diese Erfahrung begleitet mich mein Leben lang.“ Eine persönliche Erinnerung, die zur gemeinsamen wird. Denn die Beziehung zwischen Mensch und Pferd in diesen Tälern war nie nur beiläufig, sondern bildete stets das tragende Rückgrat eines ganzen Lebenssystems.
Die Tradition des Reitens ist im Tal alt und tief verwurzelt. Der erste lokale Pferdezuchtverein wurde 1904 gegründet – ein Beleg dafür, wie fest diese Tradition im Tal verbreitet war. Mit der Zeit spielten Pferde auch für den Tourismus eine wichtige Rolle: Bevor moderne Straßen gebaut wurden, erreichten die ersten Gäste die Täler noch mit Kutschen oder von Pferden gezogenen Schlitten. Heute sind sie zwar nicht mehr Teil der täglichen landwirtschaftlichen Arbeit, doch ihre Bedeutung bleibt in der lokalen Kultur lebendig – in Form von Pferdezucht, sportlichen Aktivitäten und traditionellen Veranstaltungen. In Alta Badia gibt es zwei Zuchtvereinigungen, die sich den wichtigsten Pferderassen der Region widmen: die robusten Noriker, die 2024 das 120-jährige Bestehen des Vereins Val Badia feierten, und die Haflinger, leicht erkennbar am hellen Fell und der blonden Mähne – für die derzeit ein Anerkennungsverfahren als immaterielles UNESCO-Kulturerbe läuft. Vor diesem kulturellen Hintergrund nimmt der Leonardiritt seinen Platz als eine der wichtigsten Pferdeveranstaltungen in ganz Südtirol ein.
Der Leonardiritt entstand aus einer spontanen Idee. Erzählt wird sie von Enrico Nagler, Präsident und Mitbegründer der Veranstaltung vor 25 Jahren: „Die Idee stammte ursprünglich vom Pfarrgemeinderat. Meine Schwester Maria fragte mich eines Tages, ob wir nicht etwas mit den Pferden machen wollten, schließlich ist der Heilige Leonhard ja ihr Schutzpatron. (Die Pfarrkirche von Badia ist den Heiligen Leonhard und Jakob geweiht. – AdR.) So sind wir gestartet – zunächst in einem kleinen Rahmen – mit nur 14 Pferden und ohne genau zu wissen, was uns erwarten würde.“ Ein bescheidener, fast familiärer Anfang. Ein Rundgang durchs Dorf, eine Segnung, etwas Musik. Nichts Großes, nichts Spektakuläres – aber bereits voller Bedeutung. Ab dort wuchs die Veranstaltung Jahr für Jahr auf natürliche Weise, getragen vom Interesse und der Teilnahme der Gemeinschaft. „Anfangs wussten wir nicht, ob wir es im nächsten Jahr wiederholen würden“, fährt Nagler fort. „Dann haben wir gesehen, dass es den Menschen gefiel, dass Interesse bestand. So haben wir die Veranstaltung zuerst für das ganze Tal geöffnet, dann für die anderen ladinischen Täler und schließlich für ganz Südtirol.“
Heute, nach über zwanzig Jahren, haben sich diese Zahlen verändert: Rund 200 Pferde und tausende Zuschauer:innen nehmen mittlerweile am Umzug teil. Beeindruckend ist, dass der Kern der Veranstaltung im Grund unverändert geblieben ist. „Es ist vor allem ein Festtag und ein Tag für die Gemeinschaft“, erklärt Canins. „Ein Moment des Zusammenzukommens, bevor die Wintersaison beginnt und im Tal die arbeitsintensivste Zeit anbricht.“ Es handelt sich nicht um ein für den Tourismus inszeniertes Event, sondern um eine Feier, die aus der Gemeinschaft heraus entsteht und von ihr getragen wird. In das Geschehen eingebunden sind alle: der Pfarrgemeinderat, die bäuerlichen Vereinigungen, die Trachtengruppen, die Musikkapellen und die Feuerwehr – jede und jeder trägt konkret dazu bei, diesen Moment des Miteinanders gebührend zu gestalten. Gerade diese tiefe Verwurzelung macht die Veranstaltung einzigartig. In einer Region, die heute stark vom internationalen Tourismus geprägt ist, wird der Leonardiritt zu einer bewussten Rückbesinnung auf die eigenen Ursprünge. „Es ist ein Moment, um uns daran zu erinnern, woher wir kommen“, bemerkt Canins. „Auch wenn heute viele von uns im Tourismus arbeiten, bleiben wir im Herzen doch immer Bauernkinder.“
Das Herzstück des Tages bildet die Parade: ein langer Festumzug von Pferden, geschmückten Kutschen und traditionellen Trachten, der sich durch das Dorf zieht. Sobald Männer, Frauen, Kinder und Pferde an mir vorbeireiten, fallen mir vor allem zwei Dinge auf: Zum einen die überwältigende Liebe zum Detail – perfekt geflochtene, mit kleinen Blumensträußen geschmückte Mähnen, kunstvoll gebundene farbige Bänder, reich verzierte Ledergeschirre mit traditionellen Pfauenfederkiehlstickereien, Röcke und Schürzen aus Satin, beinahe malerisch über den Pferderücken drapiert, sodass die Reiterinnen nicht behindert werden, und Hüte, die wie kleine Kunstwerke wirken … Alle, Menschen wie Tiere, sind festlich geschmückt, die sichtbaren Zeichen einer gelebten, tief verwurzelten Tradition scheinen ihnen förmlich auf den Leib geschneidert. Zum anderen – und dies fasziniert mich vielleicht noch mehr – die Freude und der Stolz, die sich in den Augen all jener spiegeln, die ordentlich aufgereiht, aber fröhlich an mir vorbeiziehen. Natürlich darf die Musik nicht fehlen: Musikkapellen begleiten den gemächlichen Schritt des Umzugs, die bald ihren Höhepunkt erreicht. Einen der intensivsten Momente beschreibt Canins so: „Wenn ich die erste Kurve erreiche und die ganze Straße voller Pferde sehe, gesäumt von tausenden Zuschauer:innen, dann ist das der Augenblick, der mich am meisten beeindruckt. Es ist das Ergebnis eines ganzen Jahres Arbeit.“ Dann kehrt plötzlich Stille ein – die Stille der Segnung. Sie ist zugleich der wohl am sehnlichsten erwartete und authentischste Teil der Feier. Nagler erzählt: „Während der Segnung herrscht eine einzigartige Ergriffenheit. Auch für uns Organisatoren ist dies ein besonders intensiver Moment, zumal man nie genau weiß, wie die Tiere reagieren. Wir hoffen immer, dass alles gut geht.“ In dieser Stille offenbart sich der tiefe Sinn der Veranstaltung: eine Gemeinschaft, die sich versammelt, ihrer Wurzeln würdigt und die uralte Verbindung zwischen Mensch, Tier und Land feiert.
Neben dem andächtigen Rahmen ist der Umzug vor allem aber auch ein Fest. Das Programm ist vielfältig: Musik von den örtlichen Kapellen und Konzerte regionaler Sänger:innen, traditionelle Tänze, ladinische Spezialitäten sowie ungezwungene und herzliche Begegnungen. Die Bäuerinnen des Tals bereiten tutres, Gerstsuppe und fortaies zu, die sie zugunsten wohltätiger Zwecke verkaufen. Diese Rezepte erzählen nicht nur von einer kulinarischen Kultur, die fester Bestandteil der lokalen Identität ist, sie bieten auch einen zusätzlichen Anlass, gemeinsam Zeit zu verbringen und den ursprünglichen Geschmack, das echte Aroma und die vorzügliche Beschaffenheit zu genießen. Auch ich kann diesen Köstlichkeiten nicht widerstehen. Sie werden mein Mittagessen an diesem Festtag sein und zugleich ein reichhaltiges Mitbringsel für später, wenn ich wieder in die Stadt zurückkehre. Diese Aromen in den kommenden Tagen erneut zu genießen erlaubt es mir, diese Momente erneut Revue passieren zu lassen und mich auch weiterhin als Teil dieser gastfreundlichen und innig verbundenen Gemeinschaft zu fühlen.
Nach dem feierlichen Umzug und der Leichtigkeit beim Essen ist es nun Zeit für den Wettkampf. In den letzten Jahren wurde dem Leonardiritt mit der Leonarditrophäe – inspiriert von alpinen Reitwettbewerben wie dem berühmten Oswald-von-Wolkenstein-Ritt in Völs am Schlern – eine dynamischere, spektakuläre Dimension hinzugefügt. Verschiedene Teams aus Frauen und Männern treten in einem Geschicklichkeitswettbewerb gegeneinander an, der die Aufmerksamkeit der Zuschauer:innen fesselt und Fans jubeln lässt. Ein beinahe kathartischer Moment, der den intensiven Rhythmus dieses Tages perfekt abrundet. Diese jüngste Ergänzung im Programm zeigt, wie sich die Veranstaltung weiterentwickelt, ohne ihre Identität zu verlieren. Denn letztlich liegt ihre Stärke genau darin: in der Fähigkeit zu wachsen und sich gleichzeitig treu zu bleiben. Neues aufzunehmen, ohne sich zu verändern. Sich zu wandeln und dennoch die eigene Seele zu bewahren. „Wir sehen auch viele junge Leute, die sich dafür begeistern“, schließt Canins. „Solange dieser Geist erhalten bleibt, wird die Veranstaltung fortbestehen.“ Und wenn ich diese lange Reihe von Pferden durch das Dorf ziehen sehe, fällt es mir leicht, ihm zu glauben. Denn hier in Alta Badia ist Tradition kein Foto für das Album, sondern gelebte Praxis. Eine Bewegung. Ein geteilter Rhythmus. Genau wie dieser Ritt, der seit über fünfundzwanzig Jahren – Hufschlag für Hufschlag – die Geschichte einer Gemeinschaft erzählt.
Anna Quinz ist Creative Director und Mitbegründerin der Kommunikationsagentur und des Verlags franzLAB sowie des Magazins für zeitgenössische Kultur in den Alpen franzmagazine.com. Sie arbeitet seit vielen Jahren in den Bereichen territoriales Marketing und Verlagswesen, wobei ihr Schwerpunkt auf der Neu-Erzählung der Bergwelt und des Tourismus im Alpenraum liegt.