Webcam
de
  • Anreise
  • Tourismusbüros
  • Nützliche Telefonnummern
  • Geschäfte & Dienstleister
  • Südtirol Guest Pass
  • Geschichten & Erzählungen
Webcam
de

„Hohe“ Kunst

Interview mit dem Kurator Phil Mer

Veröffentlicht am 26.06.2026

Oft entstehen Wendepunkte (oder Momente der Erkenntnis) aus der Begegnung mit dem Unerwarteten, das zuerst die Sinne erfasst. Ein solch sensorischer Kurzschluss kann auch die Erfahrung bestimmter Kunstformen prägen: Obwohl sie auf komplexen und vielschichtigen Gedanken beruhen, lösen sie zunächst eine emotional intensive, mitunter befremdliche und spektakuläre Wahrnehmung aus – noch bevor eine reflektierende Auseinandersetzung einsetzt.

Michelangelo Pistolettos Drittes Paradies, die große Land-Art-Installation, die sich in Colfosco inmitten der Berge von Alta Badia erhebt, ist eine Arbeit, die sich wohl zu diesen zählen lässt. Schon aus der Ferne fesselt sie den Blick mit ihren leuchtend roten Strukturen, gefertigt aus dem Holz der von Sturm Vaia zerstörten Bäume, im Kontrast zu den Grün-, Blau- und Brauntönen der umliegenden Natur. Aus der Nähe lädt Il Terzo Paradiso die Besucher:innen ein, seine Portale zu durchschreiten – auf dynamische Weise oder in kontemplativer Ruhe – und sich von seinen geheimnisvollen Form verzaubern zu lassen: die dreifache Ellipse, die an das mathematische Symbol der Unendlichkeit erinnert, erweitert um einen dritten, größeren zentralen Kreis – Das Dritte Paradies.

Eröffnet wurde diese beeindruckende Arbeit am 11. Juli 2025 anlässlich der VII. Ausgabe von SMACH – der internationalen Biennale für zeitgenössische Kunst im öffentlichen Raum im Gadertal. Heute kann sie in Plans bei Colfosco, am Fuß des Grödner Jochs und in unmittelbarer Nähe des Sellamassivs, bewundert werden. Erreichbar problemlos über einen Fuß- und Radweg und auch von oben sichtbar: für Menschen, die den Pass überqueren, für Kletterer:innen der Ferrata Tridentina sowie für Nutzer:innen der Seilbahn Plans–Frara. Die Installation liegt auf einer großen Wiese der Familie Mersa.

Doch wie ist Pistolettos Arbeit bis hierher, in die Berge von Alta Badia, gelangt? Michelangelo Pistoletto (geboren 1933 in Biella) zählt zu den bedeutendsten italienischen Künstlern und ist seit den 1960er-Jahren in der internationalen Kunstszene aktiv. Zu seinen wichtigsten Projekten gehören die Spiegelbilder, mit denen er 1962 durch internationale Pop-Art-Ausstellungen große Anerkennung erhielt, sowie die Plexiglas-Arbeiten (1964), die den Beginn der Konzeptkunst markierten. Die Werkserie Oggetti in meno (1965–1966) gilt als grundlegend für die Entstehung der Arte Povera, einer Kunstbewegung, die in der zweiten Hälfte der 1960er- und in den 1970er-Jahren ausgehend von Rom und Norditalien entstand. In den 1990er-Jahren gründete er in Biella das Kunst- und Kreativlabor Cittadellarte – Fondazione Pistoletto, mit dem Ziel, Kunst aktiv mit gesellschaftlichen Strukturen zu verbinden und eine verantwortungsvolle gesellschaftliche Transformation anzustoßen. 2003 wurde er auf der Biennale von Venedig mit dem Goldenen Löwen für sein Lebenswerk ausgezeichnet. 2024 kündigte der Künstler das Projekt Das Dritte Paradies an. Es folgten weitere bedeutende internationale Auszeichnungen und renommierte Ausstellungen, darunter die Einzelausstellung im Louvre in Paris 2013 sowie die jüngst erfolgte Nominierung für den Friedensnobelpreis 2025. Seine Werke finden sich heute in den Sammlungen der bedeutendsten Museen für moderne und zeitgenössische Kunst.

Das Dritte Paradies ist daher kein neues Projekt, sondern ein grundlegender Bestandteil seines künstlerischen Weges. Es lässt sich als wanderndes Werk beschreiben, das seit 2003/2004 in unterschiedlichen Kontexten und Ausführungen realisiert wurde und an den unterschiedlichsten Orten seine jeweilige Heimat gefunden hat: von der Louvre-Pyramide über die Caracalla-Thermen, vom UNO-Gebäude in Washington bis zur Arena von Verona und an vielen weiteren Orten. Ein Werk, dessen Anliegen es war, im Lauf der Zeit eine aktive und konstruktive Vision von Kunst in der Gesellschaft zu verkörpern: als Instrument der Bewusstwerdung und Transformation, das individuelle wie kollektive Verantwortung anstößt und zu einem erneuerten ökologischen und sozialen Bewusstsein anregt.

In der Installation befindet sich der Kreis, der Das Dritte Paradies symbolisiert, im Zentrum der dreifachen Ellipse, zwischen zwei weiteren Dimensionen (und Kreisen), und stellt eine Synthese dieser beiden gegensätzlichen Bedingungen dar: das erste Paradies als Symbol der ursprünglichen Harmonie zwischen Mensch und Natur sowie das zweite Paradies als Ergebnis der vom menschlichen Erfindungsgeist geschaffenen künstlichen Welt – Quelle des Fortschritts, aber auch ökologischer und sozialer Ungleichgewichte. Das Dritte Paradies versteht sich aus der Perspektive des Künstlers als dritter Weg: ein Raum aktiver Koexistenz und Regeneration, in dem diese Polaritäten miteinander interagieren und so Nachhaltigkeit hervorbringen können.

Hinter den Kulissen der Initiative stehen zwei Kuratoren: der italienische Designer und Architektur- und Designexperte Sandro Orlandi Stagl sowie Phil Mer (bürgerlich Philipp Mersa), Multiinstrumentalist und einer der interessantesten Schlagzeuger der italienischen Musikszene, Komponist, Kunsthistoriker, Kurator und Sammler aus Colfosco. Das Projekt wurde durch die Koordination des SMACH Cultural Hub ermöglicht, mit Unterstützung der Fondazione Pistoletto und Paolo Mozzo von der ARTantide Gallery. Weitere wichtige Partner waren Impianti Colfosco als technischer Partner, die Stiftung Südtiroler Sparkasse als Sponsor sowie die freiwilligen Helfer des Kulturvereins SMACH, unterstützt von der Autonomen Provinz Bozen-Südtirol und der Autonomen Region Trentino-Südtirol.

Nun aber überlassen wir das Wort Phil Mer, der uns von seiner Erfahrung als leidenschaftlicher Kurator dieses Dritten Paradieses erzählt, das – wie wir im Folgenden erfahren werden – dank seines persönlichen Engagements seinen spektakulären Standort in Colfosco gefunden hat.

Das Dritte Paradies ist ein emblematisches Werk Pistolettos, das weltweit gezeigt wurde. Wie entstand die Idee, es dauerhaft in Colfosco zu installieren?
Vor einigen Jahren lernte ich über meinen Freund Enrico Garnero den Veroneser Galeristen Paolo Mozzo von Artantide kennen, Botschafter der Terzo-Paradiso-Installationen von Pistoletto. Paolo suchte einen Partner mit Erfahrung im alpinen Gelände, der ihm dabei helfen konnte, Holz aus den Wäldern zu beschaffen, die 2018 von der Sturmkatastrophe Vaia zerstört worden waren und aus dem der Künstler das Werk errichten wollte. Das ursprüngliche Projekt sah vor, dass dieses Dritte Paradies, kuratiert von Sandro Orlandi Stagl, zunächst in Alta Badia entstehen und anschließend für einige Monate im Petersdom in Rom gezeigt werden sollte. Die Zustimmung des Papstes blieb jedoch aus, also schlug ich vor, das Werk direkt in Alta Badia zu realisieren und hier einen temporären oder permanenten Standort zu finden. Ich fand sofort engagierte Ansprechpartner, vor allem meinen Mitbürger und Landesrat Daniel Alfreider sowie den damaligen Bürgermeister von Corvara, Robert Rottonara. Die Finanzierung eines solchen Projektes von Grund auf war allerdings schwierig. Entscheidend war schließlich das Treffen mit der Stiftung Südtiroler Sparkasse, das durch Ermi Zoldan und Francesca Pasquali zustande kam. Es folgten Monate intensiver Arbeit, um die Genehmigung der Landschafts- und Umweltbehörden zu erhalten. Es war nicht einfach, die Kommission davon zu überzeugen, dass die landwirtschaftlich genutzte Wiese nicht beeinträchtigt, sondern im Gegenteil durch das Projekt aufgewertet würde. Nach drei Ablehnungen und als wir bereits kurz davor waren, das Vorhaben aufzugeben, kam schließlich die Zustimmung, auch dank der Fürsprache des Museum Ladin und des MAXXI in Rom, die die historische und kulturelle Bedeutung eines weltweit anerkannten Künstlers wie Michelangelo Pistoletto hervorhoben, der bereits in den Kunstgeschichtsbüchern vertreten ist.

Wie wurde der Standort ausgewählt und welche Eigenschaften weist er auf?
Die Wiese lag praktisch direkt vor meiner Haustür! Nach langen Überlegungen und der Suche nach dem geeignetsten Standort stellte sich heraus, dass mein Vater, Giorgio Mersa, Eigentümer einer Wiese am Grödner Joch ist. Wir haben sie gemeinsam besichtigt – und hatten die zündende Idee! Die Lage ist perfekt, da sie in eine eindrucksvolle Naturlandschaft eingebettet ist, nahe am Wald und am Fuß der Sellagruppe, zugleich aber nur wenige Meter von der Mittelstation der Frara-Kabinenbahn entfernt, die Teil der Sellaronda-Skiroute ist. Die Seilbahn würde die Installation buchstäblich überfliegen und damit die Sicht von oben ermöglichen, die notwendig ist, um ihre Form vollständig zu erfassen. Die Skipiste verläuft direkt daneben und die Wiese ist mit dem Auto, zu Fuß oder mit dem Fahrrad leicht zu erreichen – Besucher:innen können sogar in der Arbeit selbst spazieren. Diese Umgebung verdeutlicht seine Bedeutung: die harmonische Verschmelzung von Natur und Technik, mit dem Wald auf der einen und der Aufstiegsanlage auf der anderen Seite.

Das Dritte Paradies wurde während der VII. Ausgabe von SMACH 2025 eröffnet. Wie tritt diese Arbeit mit den im Lauf der Zeit von SMACH entwickelten Projekten in Dialog?
Ich kenne SMACH seit Jahren und wurde kürzlich auf Einladung des Präsidenten Michael Moling Teil des Projekts. Sie leisten eine außergewöhnliche und innovative Arbeit, indem sie Kunst und Kultur in ein Tal bringen, das lange vor allem vom Wintertourismus und der Natur geprägt war und nur wenige bedeutende kulturelle Angebote hatte. Als es darum ging, Partner für die Umsetzung der Installation zu suchen, habe ich mich sofort an SMACH gewandt. Seitdem haben wir stets eng zusammengearbeitet, und ich glaube, ohne ihre langjährige Erfahrung in der regionalen Koordination hätten wir es vermutlich nicht geschafft. Mir gefällt die Idee, dass sich nach und nach eine Land-Art-Landkarte im Tal herausbildet und dass die Besucher:innen dazu angeregt werden, sich von der Val dl'Ert nach St. Martin zu bewegen, wo Werke der Biennale dauerhaft ausgestellt sind, weiter nach Colfosco, wo sie auf Pistolettos Installation treffen, oder – anlässlich der Biennale – zu Kunstwerken junger internationaler Künstler:innen im Wald. Aufgrund seines Alters und seiner historischen Bedeutung kann Pistoletto gewissermaßen als ihr Mentor betrachtet werden.

Wie reagieren Besucher:innen – Ansässige wie Gäste – bisher auf Das Dritte Paradies?
Wie es bei zeitgenössischer Kunst oft der Fall ist, waren viele Ansässige und Tourist:innen zunächst überrascht und neugierig zugleich von etwas, das sie nicht kannten und das sie auf den ersten Blick vielleicht nicht vollständig verstanden. Dank des von SMACH bereitgestellten Informationsmaterials, eines Videos von Pistoletto sowie einer Reihe von Presseberichten konnten Bedeutung und Wert der Arbeit jedoch besser vermittelt werden. Viele Besucher:innen waren überwältigt  von der Kraft und Schönheit des Kontrasts zwischen den großen roten Portalen und der umliegenden Naturlandschaft. Besonders gespannt bin ich darauf, wie das Publikum im Winter mit der Arbeit interagieren wird: die Skifahrer:innen, die daran vorbeifahren, oder die Reaktionen der Liftnutzer:innen.

Phil, was hat dich an deiner kuratorischen Arbeit und an der Arbeit selbst – im Kontext der Gegenwart – am meisten fasziniert?
Sicherlich muss uns das Werk dazu anregen, über das Spannungsfeld von Natur und Künstlichkeit nachzudenken. Colfosco ist noch immer ein Stück Paradies, doch auch hier zeichnen sich Probleme ab – vom Abschmelzen der Gletscher über die globale Erwärmung bis hin zur Unsicherheit über die zukünftige Schneesituation und der Umweltverschmutzung durch Autos und Motorräder auf den Passstraßen. All dies sollte uns bewusst machen, wie fragil, aber zugleich lebensnotwendig das Gleichgewicht zwischen Mensch und Natur ist, und uns dazu anspornen, konkret ein Drittes Paradies zu schaffen, in dem diese Gegensätze koexistieren können.

Maria Quinz ist freie Journalistin, Texterin und Übersetzerin. Mit besonderem Interesse an Design, Kunst und Kino entwickelt sie Inhalte für Web- und Printmedien im Kultur- und Lifestyle-Bereich. Ursprünglich aus Bozen, lebt und arbeitet sie in Mailand.

Alta Badia hat vieles zu erzählen
„Hohe“ Kunst

Interview mit dem Kurator Phil Mer

Maria Quinz
Die perfekte Runde

Mit dem Rad um das Sellamassiv

Verena Spechtenhauser
Ein Himmel voller Sterne

Haute Cuisine in Alta Badia

Angelo Carrillo
Eine, die alle Register zieht

Interview mit der Musikerin, Songwriterin und Produzentin Maria De Val

Kunigunde Weissenegger
Der Silbersee

Lesenswerte Legenden

Karl Felix Wolff
Illustrazione Silvia Baccanti
Rait de San Linert

Eine Gemeinschaft reitet durch die Zeit

Anna Quinz
Loading