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Die perfekte Runde

Mit dem Rad um das Sellamassiv

Veröffentlicht am 26.06.2026

Die Umrundung des Sellamassivs gehört zu den legendärsten Radtouren in den Dolomiten. Früher war sie nur erfahrenen Profis vorbehalten, heute können auch ambitionierte Mountainbiker:innen und Rennradfahrer:innen die als Sellarondabekannte Strecke befahren. Einzigartig an der Rundtour ist, dass sie sich über drei italienische Provinzen erstreckt und dabei vier ladinische Täler – Gadertal mit Alta Badia, Gröden, Arabba und Fassa – sowie die Pässe Grödnerjoch, Sellajoch, Campolongo und Pordoijoch miteinander verbindet.

Ein besonderes Highlight für Radfans ist der jährliche Sellaronda Bike Day, der 2026 bereits zum 20. Mal stattfindet. An zwei Tagen – am 6. Juni und 12. September – sind die Dolomitenpässe komplett für den Verkehr gesperrt und öffnen sich für tausende Radbegeisterte jeden Alters. Freie Fahrt für Radfahrer:innen gibt es außerdem beim Dolomites Bike Day am 20. Juni, bei dem die Pässe Campolongo, Falzarego und Valparola exklusiv für Rennräder, Mountainbikes, E-Bikes, Tandems, historische Räder oder Fahrräder mit Kinderwagenanhänger reserviert sind.

Mountainbike-Guide Klaus Irsara und Rennradfahrerin Judith Pezzei lassen uns tiefer blicken.

Klaus Irsara, 54, ist in Alta Badia aufgewachsen. Er arbeitet als MTB-Guide und ist Mitbegründer von Dolomite Biking Guide Team, einem Unternehmen das geführte Mountainbike-Touren in den Dolomiten anbietet. Gemeinsam mit seiner Schwester Monica führt er zudem ein Bikehotel.

Judith Pezzei, 31, stammt aus San Cassiano in Alta Badia. Neben ihrer Tätigkeit in einer Steuerberatung ist sie seit 2023 zertifizierte Bike-Guide und arbeitet im Winter als Skilehrerin.

VS Wie seid ihr zum Radfahren gekommen?

KI Ich fahre schon mein ganzes Leben lang Rad. Als Kind war ich vor allem mit dem BMX unterwegs, bevor ich mit etwa 16 Jahren mein erstes Mountainbike geschenkt bekommen habe. Mit Mitte 20 habe ich mir mein erstes Rennrad gekauft. Dazu inspiriert hat mich damals die Maratona dles Dolomites, eines der anspruchsvollsten Amateur-Radrennen überhaupt. Dort habe ich meine Leidenschaft für das Fahrradfahren endgültig entdeckt. Später habe ich eine Ausbildung zum MTB-Guide absolviert und 2010 gemeinsam mit Freunden das Dolomite Biking Guide Team gegründet. Im selben Jahr wurde auch die Sellaronda MTB Tour eröffnet. Rückblickend war das ein ambitioniertes und durchaus pionierhaftes Unterfangen. Damals wollten viele Seilbahnen noch keine Fahrräder transportieren und auch unter Biker:innen war die Nutzung von Aufstiegsanlagen nicht selbstverständlich. Heute hat sich das komplett verändert: Mountainbikes sind stärker auf Abfahrten ausgelegt und das Benutzen von Aufstiegsanlagen gehört längst zum normalen Bike-Erlebnis.

JP Als Kind mochte ich Radfahren überhaupt nicht. Ich hatte ein Fahrrad das mir nicht gefiel. Es war ein Stadtrad mit schwer schaltbaren Gängen, wodurch ich die Anstiege in den Bergen kaum bewältigen konnte. Wenn ich mit Freund:innen unterwegs war, war ich immer die Letzte und musste oft schieben. Eines Tages fasste ich den Entschluss, mich einer neuen Herausforderung zu stellen: Meine Eltern schenkten mir ein richtiges Mountainbike und ich meldete mich bei einem Fahrradclub an. Dort entdeckte ich schließlich meine Leidenschaft fürs Radfahren und von da an hat es richtig Spaß gemacht.

VS Warum sollte man die Sellaronda unbedingt mit dem MTB bzw. Rennrad fahren?

KI Die Sellaronda ist für jede:n Biker:in ein absolutes Highlight. An nur einem Tag kann man das gesamte Sellamassiv umrunden und dabei vier ladinische Täler durchqueren. Mit dem MTB erlebt man die Natur besonders intensiv: Das Panorama verändert sich ständig und immer wieder öffnen sich spektakuläre Aussichtspunkte. Dank der Aufstiegsanlagen erreicht man Trails auf bis zu 2.500 Metern Höhe – deutlich höher, als man es beim Rennradfahren normalerweise erlebt. Einfach großartig!

JP Neben dem atemberaubenden Panorama ist das Besondere an dieser Rennrad-Tour, dass man durch vier ladinische Täler fährt, die sich stark in Kultur, Tradition und Lebensstil unterscheiden. In jedem Tal eröffnen sich auch neue Ausblicke auf bekannte Gipfel wie die Marmolada, den Langkofel oder das Heilig Kreuz. So präsentiert sich der Sellastock auf jedem Abschnitt anders.

VS Was erwartet die Biker:innen bzw. Rennradfahrer:innen bei der Umrundung?

KI Die Sellaronda ist eine echte Tagestour und sollte nicht unterschätzt werden. Sie kann sowohl im Uhrzeigersinn, was technisch anspruchsvoller ist, als auch gegen den Uhrzeigersinn, was leichter zu fahren ist, bewältigt werden. Je nach Variante umfasst die Runde zwischen 55 und 58 Kilometer und auch die Höhenunterschiede sind beträchtlich: Man bewegt sich zwischen etwa 1.400 und über 2.500 Metern Höhe. Vor allem die Abfahrten überraschen viele Biker:innen. Sie sind technisch anspruchsvoll und verlangen eine gute Fahrtechnik. Wer die Tour wirklich genießen möchte, muss deshalb eine gewisse technische Vorbereitung mitbringen, denn der Fokus liegt auf dem Abfahren auf losen, steinigen Trails und nicht auf dem Treten. Besonders spannend ist die Mischung aus natürlichen Wegen und eigens angelegten Trails.

JP Die Rennradfahrer:innen erwarten abwechslungsreiche Bergstraßen und spannende Abfahrten. Besonders herausfordernd sind die ständigen Rhythmuswechsel, die Kondition und Konzentration gleichermaßen fordern. Die Strecke verläuft ausschließlich auf Asphalt und folgt den klassischen Passstraßen Campolongo, Pordoi, Sella und Grödnerjoch, die sich sowohl im technischen Anspruch als auch im Naturerlebnis deutlich voneinander unterscheiden. Die Runde ist etwa 50 Kilometer lang und überwindet rund 1.700 Höhenmeter. Für geübte Rennradfahrer:innen dauert die Tour etwa drei bis fünf Stunden.

VS Worauf sollte man bei der Vorbereitung achten?

KI Das richtige Bike ist Pflicht. Für die Sellaronda empfiehlt sich ein vollgefedertes Mountainbike, idealerweise ein eher abfahrtsorientiertes Modell. Besonders wichtig ist ein gründlicher Materialcheck vor dem Start. Die Bremsen sollten einwandfrei funktionieren und die Bremsbeläge müssen für die langen Abfahrten ausreichend dimensioniert sein. Auch Reifen und Reifendruck sollte man kontrollieren, denn viele Fahrer:innen sind mit zu hohem Druck unterwegs. Zur Grundausrüstung gehören außerdem Helm, Handschuhe und Knieschützer sowie genügend Wasser und Energieriegel. Während der Tour selbst gilt: konzentriert bleiben, regelmäßig Pausen einlegen, essen und trinken – und natürlich das Panorama genießen.

JP Für die Sellaronda sollte man über eine sehr gute Grundkondition und eine solide Fahrradtechnik verfügen. Besonders wichtig ist auch die Ernährung. Ausreichend Energie vor und während der Tour ist entscheidend. Die Tour eignet sich für Profis und Amateure. Für Kinder und Familien ist sie nur bedingt geeignet, es sei denn, man nimmt am Sellaronda Bike Day teil, wenn die Pässe für den Verkehr gesperrt sind.

VS Gibt es die Möglichkeit, die Tour mit Guide zu machen?

KI Ja, und ich kann das nur empfehlen. Noch besser ist es sogar, bereits vorab eine gemeinsame Tour mit einem Guide zu unternehmen. So kann das fahrtechnische Niveau besser eingeschätzt werden und die Route lässt sich optimal anpassen. Das erhöht nicht nur die Sicherheit, sondern auch den Spaßfaktor enorm.

JP Ja, diese Möglichkeit gibt es. Eine geführte Tour ist auf jeden Fall eine Bereicherung, da ein Guide nicht nur bei der Streckenwahl unterstützt, sondern auch viele interessante Einblicke in die Kultur der ladinischen Täler sowie in Natur und Landschaft vermittelt. Grundsätzlich lässt sich die Runde aber auch problemlos alleine mit dem Rennrad fahren – vorausgesetzt, man ist an längere Abfahrten und das Fahren von Kurven auf Passstraßen gewöhnt.

VS Wie sollte sich Alta Badia eurer Meinung nach künftig als Radregion weiterentwickeln?

KI Ich wünsche mir, dass das Radfahren in Alta Badia künftig noch ganzheitlicher gedacht wird. Die Anforderungen haben sich stark verändert. Heute gibt es unterschiedlichste Formen des Radfahrens, und ein einzelner Radweg wird dieser Vielfalt längst nicht mehr gerecht. Radfahren ist zudem ein zentraler Bestandteil nachhaltiger Mobilität. Umso wichtiger ist es, diese Entwicklung langfristig zu planen und gezielt weiter auszubauen.

JP Alta Badia könnte noch stärker als Radregion beworben werden, indem der Fokus auf ökologische Nachhaltigkeit gelegt wird. Ich würde mir wünschen, dass Radfahren und Naturschutz noch enger miteinander verknüpft werden, damit die Region auch langfristig attraktiv bleibt.

Verena Spechtenhauser, Bücherliebhaberin, freie Journalistin, Historikerin. Nach Stationen in Innsbruck, Rom und Madrid lebt sie zurzeit mit ihrer Familie in Meran. Am Liebsten schreibt sie über Literatur, Natur, Reisen, Architektur und Design für diverse Medien und Verlagsprojekte und verliert sich während ihrer beruflichen Recherchen regelmäßig in Rabbit Holes, aus denen sie nur schwer wieder rauskommt.

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