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Der Silbersee

Lesenswerte Legenden

Veröffentlicht am 26.06.2026

Oberhalb von Canazèi ersteigt die Dolomitenstraße den grünen Hügel Col da Rónk und gewährt einen herrlichen Ausblick auf den Talboden, auf Delba und auf die Berge des Contrintales. Dicht unter dem Col da Rónk breitet sich eine weite Mulde aus, die jetzt mit üppigen Wiesen bedeckt ist, die aber früher Seegrund war. Alte Leute wissen es noch gut, daß da Schilfrohr wuchs. Und in uralten Zeiten war es ein See. Man nannte ihn „Leek d'Ardjént" (Silbersee), weil man wußte, daß irgendwo in seinem Grunde ein großer Silberschatz verborgen lag. Die Leute glaubten, daß dieser Schatz aus der Auróna herabgesunken sei. Genug — der Schatz war da und lag am Boden des Sees.

Nun trug sich der König der Fànes schon längst mit dem Wunsche, einen großen Kronschatz anzulegen. Er hatte auch wiederholt versucht, in die Auróna einzudringen, doch war es ihm nie gelungen, das verschüttete Tor zu finden. Als er aber von dem Silbersee hörte, kam er mit Gefolge und mit seiner jungen Tochter Dolasilla ins Fassatal und wollte den Schatz heben. Er ließ Boote bauen und den Grund des Sees mit Hakenstangen aufwühlen. Jedoch vergebens. Der stille, weiße See gab sein Geheimnis nicht preis.

Als nun die Leute des Königs eines Tages wieder um den See herumstreiften, entdeckten sie am Abhange des Nordgebirges einige Höhlen, die sogenannten Fopes d'Ardjént, d. h. Silbergruben, und in einer von diesen fanden sie schwere Silberbarren und kostbares Geschmeide; auch eine kleine silberne Büchse war dabei; sie enthielt ein Stückchen weißes Fell und ein graues Pulver. Hocherfreut betrachtete der König diese Funde. Doch da kamen drei Männchen aus dem Berge heraus und baten inständig, man möge ihnen ihre Habe nicht wegnehmen, sie hätten ihr Lebtag gearbeitet und gedarbt, um diesen Schatz zusammenzuscharren.

Als sie sahen, daß der Künig hart blieh und das Gefundene in Säcke stecken ließ, da flehten sie, er möge ihnen wenigstens das Büchslein mit dem Pulver lassen, auf alles andere wollten sie verzichten.

„Das Büchslein ist also die Hauptsache“, sagte der König, und zu seiner Tochter gewendet, fuhr er fort: „Nimm du es dir, Dolasilla, und verwahre es gut!“

Die Tochter gehorchte, obwohl ihr die Zwerge leid taten. Gleichzeitig bemerkte sie, wie einer von den Zwergen ihren Vater mit furchtbar drohenden Augen ansah. Darob erschrak sie. Aber der König achtete nicht darauf. Er ging mit seinen Leuten aus der Höhle hinaus und schlug den Weg ein, der nach Penia führt.

Es ist dies der sogenannte Sodolèda-Weg, der am Fuße des Nordgebirges von Canazei nach Penia zieht und sich an der engsten Stelle zwischen Berg und Fluß um die „Crèpa de Rónk" herumwindet, eine scharfe Felsecke. Bei dieser Crèpa blieb Dolasilla stehen und dachte, daß sie das Büchslein den Zwergen zurückgeben müsse, damit nicht ihrem Vater ein großes Unglück widerfahre. Sie begann also wieder talab zu gehen. Und im Walde traf sie die kleinen Leute, die so laut wehklagten, daß der Prinzessin ganz bange wurde vor Mitleid und Angst.

Zögernd näherte sie sich und sagte:

„Da — nehmt euer Büchslein wieder und seid nicht böse auf uns!“ Die Traurigkeit der Zwerge ging nun schnell in eine große Freude über. Sie faßten die Prinzessin bei den Händen und dankten und lachten.

Einer aber sprach:

„Weil du so gut bist, bitten wir dich, mit uns zurückzugehen bis an das Ufer des Sees und das Pulver aus dem Büchslein in den See zu schütten, denn wir dürfen das nicht tun.“ Dolasilla ging mit den Zwergen und tat, was diese wünschten.

Da sagten die Zwerge: „Jetzt wird der Schatz, der in dem See liegt, zu blühen anfangen, wir aber sind erlöst und dürfen wieder in den Berg zurück, wo unsere Heimat ist. Zur Erinnerung schenken wir dir das Büchslein und das Fleckchen Fell; laß dir daraus ein Panzerkleid machen, denn du wirst eine Kriegerin werden, so mutig und so siegberühmt, wie keine noch gewesen ist. Du wirst übernatürliche Kräfte haben bis zu deiner Hochzeit; nach deiner Hochzeit aber wirst du so sein wie ein anderes Weib. Und noch etwas merke, Prinzessin: dein Panzerkleid wird weiß sein wie der Firn der Marmolèda, und wenn es sich einmal verfärbt, dann ziehe nicht in die Schlacht!“

Nachdem sie so gesprochen, verschwanden die drei Männlein in dem dunklen Tannenwalde, der zum Col de Téna hinaufzieht.

Karl Felix Wolff, 1879 in Karlstadt/Kroatien – 1966 in Bozen, Sohn eines altösterreichischen, aus Troppau gebürtigen Offiziers und einer aus ladinischem Nonsberger Adel stammenden Mutter, lebte seit 1881 bis zu seinem Tod ununterbrochen in Bozen, von seinem Vater erzogen, als Volkskundler Autodidakt, von Beruf Journalist. Seinen Nachlass verwaltet das Forschungsinstitut Brenner-Archiv Innsbruck. Eine „Kritische Lektüre der Dolomitensagen von Karl Felix Wolff“ hat Ulrike Kindl veröffentlicht.

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