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Giulan für Landschaft und Kultur

Interview mit Anita Vittur, Modedesignerin, Trachtenschneiderin, Skilehrerin und Freigeist.

Veröffentlicht am 25.11.2025

Der Ideenreichtum von Anita Vittur steht für die Vielseitigkeit von Alta Badia. Sie ist Modedesignerin und Trachtenschneiderin, Skilehrerin und vor allem Freigeist: kreativ und geschickt, facettenreich und neugierig, naturverbunden und künstlerisch geprägt, geerdet und experimentierfreudig, mit Blick auf eigene Ausdrucksformen. Sie ist in den Dolomiten verwurzelt, was ihre enge Bindung zur Natur und zu den Bergen prägt. Ihre frühe Leidenschaft für Kunst, Materialien, Textilien und Farben hat sie in Studium und Praxis weiterentwickelt und dieses Gespür für Design und Stil verfeinert, sodass sie seit zehn Jahren zum einen unter ihrem Namen eine eigene Modelinie entwirft und zum anderen Trachten schneidert. Mit LÜM hat sie außerdem in einem Duft die Essenz der Dolomiten eingefangen. Da sie Aktivität genauso liebt wie Kreativität, ist sie auch Skilehrerin.

Aufgewachsen ist sie im „Herzen der Dolomiten“, wie sie selbst erzählt, „inmitten einer unglaublich starken Natur“, für die sie außerordentlich dankbar ist. „Ich glaube, wenn man an einem Ort mit so eindrucksvoller Natur, den Klängen und Düften dieser Landschaft aufwächst, prägt dies einen so stark, dass man nie wirklich von dort wegkann. Die Berge rufen dich irgendwie immer zurück. Und ich sehe es als unsere Mission, die Berge zu schützen und anderen beizubringen, respektvoll mit der Natur umzugehen. Wir sind große Arbeiter:innen, brauchen aber die Natur, um Energie zu schöpfen. Diese Region gibt uns so viel, wir können davon leben, aber wir müssen sie auch hüten und das Gleichgewicht halten.“ Mit ihren beiden Töchtern Maya und Denise sowie ihrem Mann Davide lebt sie in San Cassiano. Mit ihm teilt sie auch die große Leidenschaft für Freiheit. Aus den Worten von Anita Vittur spricht im Interview ihre große Liebe zur Natur und Kultur von Alta Badia und ihre Begeisterung für Handwerk und Gestaltung.

Anita, erzähl uns bitte ein bisschen von dir: Wer ist Anita Vittur?

Ich bin in San Cassiano geboren und im Herzen der Dolomiten aufgewachsen. Wahrscheinlich hat sich bereits in meiner Schulzeit an der Kunstoberschule in Cortina meine Leidenschaft für Kunst entwickelt. Immer schon war ich sehr vielseitig, mich haben stets viele verschiedene Dinge interessiert. Textilien jedoch haben mich besonders angezogen: das Material zu spüren, mit Farben zu arbeiten, darin habe ich viel Ausdruck gefunden. Neben der Kunst hat mich die Natur geprägt: Ich war von klein auf viel draußen, fast jedes Wochenende mit meiner Familie in den Bergen unterwegs. Diese Verbindung ist bis heute ein wichtiger Teil von mir. Wenn man hier aufwächst, muss man die große Leidenschaft und den Bund mit der Natur spüren, sonst ist es nämlich schwierig im Herzen der Dolomiten zu leben. Wir leben hier inmitten dieser großen Berge und dieser unglaublich starken Natur, die wunderschön ist. Also solltest du einen Weg finden, dich hier zurecht zu finden und dich als Teil der Natur zu fühlen – ansonsten wird es wirklich schwierig … 

Wofür schlägt dein Herz? Was hat dich geprägt?

Unglaublich wichtig ist mir Freiheit. Schon als Kind habe ich es gehasst, dem Skilehrer hinterherzufahren. Das zu machen, was mir andere vorsagen, hat mir nie entsprochen. Deshalb habe ich als Jugendliche gemeinsam mit anderen Gleichaltrigen das Snowboarden für mich entdeckt. Dieser Sport hat mir große Freude bereitet, dafür hatte ich auch neben meinem vierjährigen Studium in Verona Zeit. Am Wochenende war ich im Winter immer daheim und bin Snowboard-Rennen gefahren. Ich fühlte mich frei dabei. Und dieses Wort begleitet mich ein Leben lang, sowohl im Beruf als auch in der Familie. Heute bin ich, nebenbei bemerkt, selbst als Skilehrerin tätig, weil ich dieses Gefühl gern an andere weitergeben möchte. 

Wie bist du zum Modedesign gekommen?

Das hat wahrscheinlich mit meiner exzellenten Lehrerin Meme Kostner zu tun, die uns sehr engagiert Kunst unterrichtet und diese Kultur von Schönheit und Natur sowie das Gleichgewicht von Farben und Stoffen beigebracht hat. Ich erinnere mich, dass wir eine Zusammenarbeit mit einer anderen Kunstschule in Riccione hatten: Wir in unserer Klasse haben mit verschiedenen Techniken und Materialien Stoffe entworfen – ich mit Seidenmalerei, andere haben gewebt und wieder andere Designs gedruckt usw. Damit hat die andere Klasse eine Kollektion entworfen und eine Modeschau organisiert. Diese Erfahrung hat mich in Richtung Mode gelenkt. Deshalb habe ich danach in Verona Schneiderei und Modedesign studiert und sowohl klassische Schneiderei als auch industrielle Fertigungstechniken erlernt. Beides kommt mir auch heute noch zugute, da ich je nach Bedarf darauf zurückgreifen kann.

Was passiert mit dir, wenn du Textilien spürst?

Es ist uns nicht immer bewusst, wie sehr uns verschiedenste Stofftexturen beeinflussen können: Wenn du beispielsweise einen Stoff auf deiner Haut trägst und er klebt, dann gibt das kein gutes Gefühl und beeinflusst deine Laune. Während meines Studiums haben wir großen Wert auf diesen Aspekt gelegt. Wir haben Stoffe selbst gewebt und so gespürt, wie grob er vielleicht war, es war aber immer ein Naturstoff. Seide fühlt sich hingegen total anders an, ist weich und rutscht. Werden Stoffe also falsch kombiniert, erscheint das Kleidungsstück unruhig und kann ein komisches Gefühl vermitteln. Wenn du dieses Gefühl für Ästhetik hast wie ich, beschäftigst du dich auch unbewusst damit und dein Auge sucht immer die Perfektion und Balance. Ich muss Stoff immer anfassen.

Wie bist du zur Trachtenschneiderei gekommen?

Ich würde sagen, die Tracht ist zu mir gekommen. Ich war mit dem Studium fast fertig, als mich die Musikkapelle von Colfosco/Corvara gefragt hat, ob ich ihnen die Mondur bzw. das Kostüm schneidern könnte. Mein Atelier habe ich gleich nach Studienabschluss 1999 eröffnet. Die Tracht war dann eine Konsequenz davon. Also habe ich nachgeforscht, mich dahingehend weitergebildet und mir von alten Näherinnen das Handwerk zeigen lassen. Ich bin auch mit der Arbeitsgemeinschaft Lebendige Tracht in Bozen in Kontakt getreten, um alles genauso umzusetzen, wie es sich gehört. Denn die Tracht ist ein Kleid mit Geschichte, Kultur und Tradition, jedes Tal hat ein eigenes. Dabei machte sich das Handwerk bezahlt, das ich in Cortina gelernt habe: Stickerei, Druck, Weberei, Entwurf usw. Jede Tracht ist anders und immer ist die Hand der Künstlerin erkennbar. Tracht hat immer auch mit der Natur im Tal zu tun: Materialien, die zur Verfügung standen wie das Leinen für die Heutücher für Blusen, Wolle, die typisch blaue Baumwolle, grüne, blaue oder rote Oberteile und Farben, die in der Natur vorkommen. Mit der Zeit wurde dieses Kleid immer feiner und schöner, bis es sich zum heutigen Festkleid für große Feste und Ereignisse weiterentwickelt hat. Die Tracht im Gadertal ist simpler und nicht so reich wie die in Kastelruth oder Gröden. Inzwischen habe ich Trachten für Musikkapellen in La Villa, San Vigilio, Corvara, Welschellen oder Kastelruth angefertigt und etliche Menschen mit meiner Tracht eingekleidet. Auch die Jugend trägt wieder gerne Tracht, weil sie ein gutes Gefühl verleiht.

Wie lange arbeitest du an einer Frauentracht?

Für eine Frauentracht, komplett mit Bluse und Jacke usw., benötige ich zwischen 60 und 70 Stunden. Alles wird handgefertigt. Technik, Übung und Erfahrung sind ausschlaggebend. Bemerkenswert ist, dass zu einer Tracht nicht nur die Handarbeit der Schneiderin beiträgt, sondern viele verschiedene Kunsthandwerker:innen und das macht das Kleid lebendig: handgewebte Leinestoffe für die Bluse, von Hand geklöppelte oder gehäkelte Spitze, geschmiedete Haken am Mieder, Schuhe, Hut usw. Das sind alles viele kleine Kunstwerke.

Wie beeinflusst die Tracht deine Entwürfe? Was zeichnet deine Linie aus?

Ich arbeite viel mit Naturfasern – die Tracht arbeitet nur damit. Kontraste gefallen mir sehr gut – Leinen, Wolle, Seide, die silbernen oder goldenen Haken. Meine akribische Sorgfalt im Detail spiegelt sich auch in den Entwürfen meiner Modelle wider: Es muss alles einem roten Faden folgen. Die Liebe zur Tradition ist in den Röcken erkennbar: Der Rock Gana kann sportlich mit Sneakers getragen werden, wird mit Schürze aber elegant und erinnert an ein einfaches, aber festliches Dirndl. Die Namen meiner Kleidungsstücke haben immer mit meiner ladinischen Kultur und Tradition zu tun: Gana ist der Faltenrock und erinnert an die Ganes, die guten Hexen im Wald, und daran, wie sie sich in der Natur bewegen und tanzen. So ist auch der Rock gestaltet und verleiht ein Gefühl von Freiheit, die ich so sehr liebe. Eine Jacke heißt zum Beispiel Giulan, was Danke bedeutet und für die Dankbarkeit für Lebensraum, Landschaft und Natur steht. Meine Entwürfe trage ich liebend gern auch selbst, ich bin allergisch auf alles, was nicht Naturfaser ist.

Vor zehn Jahren war es mein Traum, in meinem Schrank nur mehr meine Kleider zu haben. Und dieser Wunsch hat sich erfüllt. So fühl ich mich gut und frei. 

Gib uns bitte noch einen Tipp, was wir in Alta Badia nicht verpassen sollten?

Spät abends oder früh morgens irgendwo auf einem Berg die Inrosadöra zu bewundern, diese Farben zu sehen, die Energie zu atmen, die Luft zu spüren, ist wirklich ein einzigartiges Erlebnis. Und wen Tradition und Kultur interessiert, sollte sich auf keinen Fall einen Umzug mit verschiedenen Trachten entgehen lassen und sich auch trauen, die feinen Details näher zu betrachten. Und ein Glas Gewürztraminer ist immer eine gute Wahl.

Kunigunde Weissenegger, diplomierte Übersetzerin und Dolmetscherin in Innsbruck, Granada und Rom, mit humanistischem Background und Spezialisierung in Journalismus, ist Übersetzerin, Schreiberin, Journalistin, Kommunikationsexpertin und Mitbegründerin der Kommunikationsagentur und des Verlags franzLAB sowie Chefredakteurin von franzmagazine.com, einem Magazin für zeitgenössische Kultur im Alpenraum.

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