Eine Piste, eine Gemeinschaft, eine Spur im Schnee
Die ersten 40 Jahre des Weltcups
Die Luft in der Höhe vibriert vor Spannung. Es wirkt, als halte das gesamte Tal den Atem an. Die sonst so sanfte, geduldige Stille der Berge ist heute angespannt. Nur das metallische Klicken der sich schließenden Bindungen, das trockene Kratzen der Kanten auf dem vereisten Untergrund, das Rauschen des Windes in den Bäumen, das Knirschen der Schritte auf dem harten Schnee und das tiefe, rhythmische Atmen der Athlet:innen im Startbereich durchbrechen die Stille. Hier oben, auf der Gran Risa, wirkt jede Kleinigkeit intensiver. Die Blicke sind auf die Piste gerichtet, konzentriert, geschärft. Die Erwartung ist greifbar. Das Publikum versammelt sich entlang der Absperrungen und auf den Tribünen am Ende der Piste. Die Rufe werden immer lauter. Namen von Favorit:innen fallen, Fahnen werden geschwenkt, Daunenjacken geschlossen, Hände um heiße Tasse geschlungen. Ein elektrisierender Moment, voller Vorfreude und Adrenalin. Der legendäre Weltcup ist zurück – bereit, hier und jetzt ein neues, packendes Kapitel zu schreiben.
40 Jahre Geschichte
Im Dezember 1985 betrat ein kleines ladinisches Tal inmitten der bleichen Dolomiten zum ersten Mal die große Ski-Weltcup-Bühne. Nur wenige ahnten damals wohl, dass dieses Debüt – gewonnen von einem „gewissen“ Ingemar Stenmark – der Beginn einer der faszinierendsten, langlebigsten und bedeutendsten Geschichten im weißen Zirkus werden würde. Heute, 40 Jahre später, ist Alta Badia ein unverzichtbarer Termin im FIS-Rennkalender.
„Im Lauf der Jahre hat sich das Rennen zu einer wahren internationalen Veranstaltung mit umfangreichem und fesselndem Rahmenprogramm entwickelt“, betont Markus Waldner, FIS-Renndirektor der Herren, der in seiner Laufbahn schon viele Pisten und noch mehr spannende Rennen gesehen hat. „Die logistischen und wirtschaftlichen Anforderungen, die mit den großen temporären Infrastrukturen verbunden sind, haben dazu geführt, dass wir mittlerweile noch ein zweites Rennen abhalten, um die gesamte Anlage optimal zu nutzen. So kamen neben dem Riesenslalom, der Slalom, dann der Nacht-Parallel-Slalom und dann wieder der Slalom hinzu.“ Heute sieht das Rennprogramm den Riesenslalom am Sonntag und den Slalom am Montag vor.
Die Gran Risa ist also ein „Klassiker“, der Spektakel und Technik, Leidenschaft und Präzision vereint. Eine anspruchsvolle, schattige Piste – durch und durch atemberaubend. Von Athlet:innen so geliebt wie gefürchtet, mit einem Podium, das nur den Besten vorbehalten ist. Aber hinter dieser Ikone steckt noch viel mehr, nämlich eine Geschichte voller Instinkt, Vision, Anstrengung und Mut. Vor allem aber steckt dahinter eine Gruppe von Menschen, die an dieses ehrgeizige und zukunftsweisende Projekt von Anfang an geglaubt hat. Ein Projekt, das auch noch nach 40 Jahren große Gefühle und mitreißende Emotionen weckt: im Tal und überall dort, wo es Ski-Fans gibt.
Das Unmögliche zu träumen wagte Marcello Varallo, ehemaliger Skirennläufer, Abfahrtsspezialist, Mitglied der italienischen Nationalmannschaft Ende der 1960er- und Anfang der 1970er-Jahre (1972 nahm er an den Olympischen Winterspielen in Sapporo teil) und ehemaliger Präsident des Tourismusverbandes von Alta Badia. Während seiner Zeit auf den internationalen Pisten und bei großen alpinen Veranstaltungen stellte er sich bald die Frage: „Warum könnte dies alles nicht auch bei uns passieren?“ Ein fixer Gedanke, der sich schnell zu einem konkreten Traum entwickelte, an dessen Ursprung sich Varallo noch heute voller Stolz und mit einem Lächeln im Gesicht zurückerinnert: „Dieser Traum nahm 1985 dank der Zusammenarbeit mit Hubert Dalponte und einem gemeinsamen Projekt mit Gröden Gestalt an: die Tre Giorni Ladina.” Der erste Riesenslalom auf der Gran Risa war sofort ein Erfolg. Das begeisterte Publikum, die tadellose Organisation, die extrem schwierige, aber von Techniker:innen und Athlet:innen geliebte Piste: All dies überzeugte auch die größten Skeptiker:innen. Seitdem hat der Weltcup Alta Badia nicht mehr verlassen.
Das Erfolgsgeheimnis damals wie heute? Weitblick und Bodenständigkeit. „Vom ersten Jahr an“, erzählt Varallo, „wurden die Kosten dank der Unterstützung von Institutionen sowie von Dolomiti Superski und anderen Sponsoren vollständig gedeckt“. Keine unnötigen Risiken, keine überzogenen Ambitionen. „Wenn man mit Schulden startet, kommt man nicht weit“, beteuert er. Am stärksten in Erinnerung geblieben ist ihm jedoch etwas ganz anderes: „Schon bei dieser ersten Ausgabe konnten wir 500 freiwillige Helfer:innen vereinen. Ohne diesen Gemeinschaftssinn hätten wir es nie geschafft.” Es ist dieses Zugehörigkeitsgefühl und die Begeisterung für Zusammenarbeit, welche die Veranstaltung auch heute noch so besonders machen.
Legendäre Gran Risa
Jeder, der in La Villa in Alta Badia lebt, spürt sie. Er sieht sie. Er erlebt sie. Sie ist omnipräsent, schwebt über allem und alle. Die Gran Risa ist nicht nur eine Piste: Sie ist ein Stück kollektiver Identität. Von jedem Fenster, jeder Straße, jedem Haus des Dorfes aus beobachtet sie dich. Imposant, vertraut, fast mütterlich. Ihr Name bedeutet auf Ladinisch großer Spalt. Eine Piste, die direkt vom Gipfel auf der Hochebene ins Tal hinunterführt, eine klare Linie, die den Wald wie ein Lichtstrahl durchschneidet. Im Sommer wurde die Schneise von den Holzfällern zum Transport der Fichten- und Lärchenstämme ins Tal genutzt. Im Winter wird sie zum Schauplatz des faszinierendsten Spektakels im Weltcup. Eine weiße Bahn mit zwei Spuren: auf der einen Seite die Skifahrer:innen, die hinunterfahren, auf der anderen Seite die Zuschauer:innen, deren Augen ihnen bis zum Horizont folgen. Wenn jedes Jahr im Dezember der Weltcup nach Alta Badia zurückkehrt, hält das Tal gemeinsam inne, atmet gemeinsam und spannt sich gemeinsam wie ein Bogen. Denn auf dieser Piste wird seit 40 Jahren eine gemeinsame Geschichte geschrieben. Und jedes Rennen, jede Kurve, jede Ankunft im Ziel ist wie eine neue Seite, die in den Schnee geschrieben wird.
Was sie jedoch auch für erfahrene Skifahrer:innen einzigartig macht, sind vor allem ihre technischen Eigenschaften: Steigungen von bis zu 69 %, kühne Steilhänge, enge Kurven, Tempowechsel und Schnee, der so lange bearbeitet wird, bis er „hart wie Marmor“ ist.
Hinter dieser perfekten Piste, die selbst die grandiosesten Skifahrer:innen begeistert, verbirgt sich eine großartige, technische und menschliche Leistung. Seit über 40 Jahren kümmert sich Sergio Tiezza, Ingenieur und langjähriges Mitglied des Verwaltungsrats, um die Pistenpräparierung. „Ich habe mich stets um den technischen Teil gekümmert“, erzählt er. „Jede Änderung, jedes Detail, jeder Markierungspfosten war und ist das Ergebnis einer sorgfältigen Studie.“
Er war es auch, der die berühmten gobes dl giat (Katzenbuckel) eingeführt hat, zwei Buckel im Zielbereich, die heute zu den bekanntesten Abschnitten der Gran Risa gehören. Er hat aber auch die komplizierten, technischen Weiterentwicklungen der FIS umgesetzt, insbesondere im Hinblick auf die Pistenpräparierung. „Früher war es ausreichend, wenn die Piste weiß war“, erklärt er, „heute muss sie eine Dichte von 800 kg pro Kubikmeter haben. Praktisch gesehen ist das Eis. Skifahrer:innen sind zu Hochleistungssportler:innen geworden, die Pisten müssen enormen Kräften standhalten”. Die Gran Risa darf da natürlich nicht zurückstehen. Denn nur Perfektion ist erlaubt.
Diese Perfektion verlangt kontinuierlichen Einsatz. Tag und Nacht arbeiten Teams aus Techniker:innen mithilfe von Pistenraupen und Schneekanonen an der Instandhaltung der Piste, trotzen unbeständigem Wetter, das Ziel immer vor Augen: eine bis auf den letzten Zentimeter makellose Piste, die Unterhaltung und Sicherheit garantiert. Und sollte die Natur doch rebellieren, dann lautet die Devise – einmal mehr – Zusammenhalt. Bei einer von schlechtem Wetter geprägten Ausgabe des Weltcups kam sogar die Armee mit der Alpini-Brigade Tridentina zum Einsatz, um das Event zu retten: „Ich erinnere mich an diese Begebenheit, als wäre es gestern gewesen“, erzählt Marcello Varallo, „LKWs voller Alpini-Soldaten, die schon bei Tagesanbruch in ihren Uniformen bereitstanden, mit Jacken, Handschuhen und der gesamten Ausrüstung. Stundenlang haben sie mit ihren Händen den Schnee festgedrückt“. In solchen Momenten erschließt sich die wahre Bedeutung dieses Ereignisses: ein ganzes Tal, das sich im Gleichklang bewegt: „Wenn du es im Alleingang schaffen willst“, schließt Varallo, „dann fang gar nicht erst damit an, denn dann ist das Vorhaben schon von Beginn an zum Scheitern verurteilt“.
Und so musste in 40 Jahren nur ein einziges Mal ein Wettbewerb abgesagt werden. Damals eine herbe Enttäuschung, aber dennoch eine beachtliche Leistung, wenn man es über die Zeit hinweg betrachtet.
Piste für Champions
Auf der Gran Risa ist jeder Sieg ein Meilenstein. Es ist kein Rennen wie jedes andere: Es ist eine Reifeprüfung, ein Initiationsritus. Hier gewinnt man nicht zufällig. Hier schreibt man Skigeschichte. Das wissen die Großen der Vergangenheit nur zu gut, diejenigen, die ihren Namen bereits in das harte Pisteneis meißeln durften. Jener Piste, die alle krönt, die es wagen, sie zu bezwingen. Die vier unvergesslichen Siege von Alberto Tomba, die sechs Siege im Riesenslalom, der Sieg im Parallel-Riesenslalom und der Sieg im Slalom von Marcel Hirscher – elegant, präzise, unaufhaltsam. Und schließlich die drei Siege von Max Blardone. Drei Mail gewonnen hat auch Ted Ligety – mit seinem runden, perfekten Fahrstil. Und dann Hermann Maier, Bode Miller, Aksel Lund Svindal, Alexis Pinturault, Marco Odermatt: jeder mit seinem eigenen Stil, jeder auf die Probe gestellt von einer gnadenlosen Piste, jeder in der Lage, Spuren zu hinterlassen, eine Geste, einen Hauch von Ruhm.
Wohl niemand hat das Publikum je so begeistert wie Alberto Tomba: frech, kraftvoll, mitreißend. Viermal stand er auf dem Treppchen ganz oben. Manchmal, so wird behauptet, habe er sogar die Streckenbesichtigung ausgelassen: Er kannte die Gran Risa wie seine eigene Westentasche. Unvergesslich ist das Jahr 1991: Tomba startete sehr stark, riss ein Tor heraus, das Tuch landete in seinem Gesicht. Doch er hielt nicht an, sondern fuhr blind weiter. So als ob jede Kurve in seinen Körper geschrieben wäre. Und er überquerte als erster die Ziellinie. Der Jubel von 40.000 Menschen explodierte unter dem Himmel von Alta Badia. Eine Legende.
Die Magie der Gran Risa aber besteht nicht nur aus Goldmedaillen und Podiumsplätzen. Im Jahr 2012 spendete Marcel Hirscher, nach seinem Sieg das gesamte Preisgeld – über 18.000 Euro – an die lokale Bevölkerung, die von einem Erdrutsch betroffen war. Eine stille, kraftvolle Geste. Mehr als tausend Worte wert.
Und schließlich ist die Gran Risa auch Heimat. Das weiß niemand besser als Roberto Erlacher, der einzige Athlet aus Alta Badia, der es je auf das Podium geschafft hat. Es war 1985, im ersten Weltcupjahr: Erlacher wurde Dritter hinter Ingemar Stenmark. „Als Kind kroch ich unter den Netzen hindurch, um das Training zu beobachten“, erinnert er sich voller Emotion. „Und dann, Jahre später, stand ich dort, auf demselben Podium. Ein Traum wurde wahr.“ 1986 gewann Italien alles: Pramotton wurde Erster, Tomba Zweiter, Tötsch Dritter. „Ich wurde Sechster“, lacht Erlacher, „aber es war der Beginn einer neuen Ära für den italienischen Skisport“. Und dann erzählt er eine fast vergessene Anekdote: 1982 fand in Alta Badia das statt, was viele als den ersten Super-G der Geschichte betrachten, auch wenn die Disziplin noch nicht offiziell war: „Ohne FIS-Punkte, ohne festgelegte Reihenfolge, mit einer neuen Strecke und 180 Teilnehmer:innen. Ich ging mit der Startnummer 180 ins Rennen. Das ist eines dieser Ereignisse, an die sich nur wenige erinnern. Aber es ist ein Stück Geschichte und es ist hier passiert.“
Wettbewerb mit Zukunft
Heute liegt das Erbe des Weltcups, der schon in seinen Anfangszeiten 1985 die Großen im Skibetrieb für sich begeistern konnte, in den Händen von Andy Varallo, Sohn von Marcello sowie Präsident von Dolomiti Superski und des Organisationskomitees. Unter seiner Führung ist der Weltcup auch weiterhin ein Motor für die touristische, soziale und kulturelle Entwicklung von Alta Badia. „Dank der Fernsehübertragung der Rennen”, erklärt Varallo, „stieg die Zahl der Tourist:innen im Tal zwischen 1985 und 1988 um 250 %. Die eigentliche Meisterleistung war jedoch, den Wettbewerb vor Weihnachten anzusetzen: Damit wurde der Beginn der Skisaison vorgezogen und noch heute können wir ein zuverlässiges Image vermitteln, auch in Jahren mit wenig Naturschnee.
Auch weil „mit Blick auf die Zukunft große Investitionen in eine Beschneiungsanlage der neuesten Generation getätigt wurden, die in weniger als 48 Stunden Schnee produzieren kann und so die wenigen Kälteperioden im November optimal nutzt“, betont Markus Waldner. Eine wichtige Entscheidung, um die Verlässlichkeit und Kontinuität einer Veranstaltung zu gewährleisten, die sich strategisch vor Weihnachten positioniert. Zur Feier des 40-jährigen Jubiläums ist ein großes Fest und ein echtes Ski-Festival geplant, mit zahlreichen nationalen wie internationalen Gästen, verbesserten Infrastrukturen und dem Versprechen einer Show, die der legendären Geschichte der Gran Risa gerecht wird.
Der tiefere Wert der Veranstaltung bleibt laut Varallo jedoch menschlicher Natur: „Während des Weltcups arbeiten Hoteliers, Hüttenwirt:innen, Skilehrer:innen und Schüler:innen Seite an Seite. In dem Moment begreift sich das Tal als Gemeinschaft.“ Die Veranstaltung schafft mehr als nur einen rein wirtschaftlichen Wert: „Keine Veranstaltung ist zu 100 % nachhaltig. Aber Nachhaltigkeit ist in der heutigen Zeit auch von sozialen Zusammenhalt, kollektiver Verantwortung und Bürger:innensinn geprägt.“
Vielleicht ist genau das das große Geheimnis für 40 Jahre Erfolg: ein Tal, das an sich selbst geglaubt hat und Leidenschaft in Organisation und Organisation in Tradition verwandelt hat: ein Ort, an dem Berge verbinden und jede Weltcupausgabe das Ergebnis einer kollektiven, stillen und kraftvollen Anstrengung ist. Einer Anstrengung, die von den gewagten Kurven der Gran Risa bis ins Herz jedes Fans dringt, der gespannt auf den nächsten Champion wartet.
Anna Quinz ist Creative Director und Mitbegründerin der Kommunikationsagentur und des Verlags franzLAB sowie des Magazins für zeitgenössische Kultur in den Alpen franzmagazine.com. Sie arbeitet seit vielen Jahren in den Bereichen territoriales Marketing und Verlagswesen, wobei ihr Schwerpunkt auf der Neu-Erzählung der Bergwelt und des Tourismus im Alpenraum liegt.