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Dolomiten

 Faszination Geologie

Veröffentlicht am 26.06.2026

Wenn ich nach einer Wanderung in der Ecke der Stüa einer Berghütte Platz nehme und mit einem Getränk meinen Durst lösche, kehrt mein Blick unweigerlich zu den vom Fenster eingerahmten Felswänden zurück. Und jedes Mal aufs Neue erfüllt mich dabei ein stilles Staunen.

Ich weiß, dass dieses Gefühl jede:n erfasst. Wahrscheinlich ist es seit Urzeiten dasselbe – seit jener Zeit, als der Mensch erstmals hier heraufstieg, um zu jagen. Wenn ich gemeinsam mit Wanderer:innen und Bergbegeisterten unterwegs bin, wird mir immer wieder bewusst, dass diese Berge selbst Nicht-Geolog:innen ihre uralte Geschichte nahebringen – oder zumindest erahnen lassen, dass ihr heutiges Erscheinungsbild das Ergebnis von Millionen Jahren Erdgeschichte ist. Ich erinnere mich an die Sommer, die ich für meine Abschlussarbeit in den Karnischen Alpen verbrachte. Wenn ich in die Hütte zurückkehrte, die mich beherbergte, lehnte ich mich mit dem Rücken an den warmen Ofen. Neben mir lagen mein Rucksack mit dem Hammer, einige Gesteinsstücke und mein Skizzenbuch – stille Hinweise darauf, womit ich mich vor Ort beschäftigte. Der Hüttenwirt war stets bereit, Fragen zu beantworten. So kamen Wanderer:innen mit erstaunlich genauen Beobachtungen und neugierigen Fragen über die Landschaft zu ihm, die sie gerade durchquert hatten. Für mich war es jedes Mal besonders schön zu erleben, wie faszinierend Geologie sein kann – nämlich keineswegs so unzugänglich, wie sie auf den ersten Blick oft erscheint.

Beim Sammeln schöner Kiesel oder Gesteinsstücke ist es nicht ungewöhnlich, auf  Exemplare zu stoßen, die Fossilien enthalten. Spiral- oder herzförmige Muscheln, die eindeutig als Spuren marinen Lebens zu erkennen sind. Warum wir sie jedoch auf über 2.000 Metern Höhe finden, lässt sich nicht sofort erklären – darüber muss man erst etwas nachdenken. Wer an geologischen Exkursionen teilnimmt, dem empfehle ich stets, die eigene Fantasie zu nutzen: Je weiter man in die Vergangenheit reist, desto mehr Vorstellungskraft braucht es. Glücklicherweise haben uns brillante, von Natur aus neugierige Geolog:innen – wie Giovanni Arduino, Déodat de Dolomieu, Ferdinand Freiherr von Richthofen und May Ogilvie Gordon – bereits früh die Grundlagen zum Verständnis der Entstehung dieser Berge geliefert. Auch der Name Dolomiten geht auf die wissenschaftliche Forschung zurück: Er leitet sich von der Entdeckung eines Gesteinstyps ab, der zahlreiche Gipfel dieser Region prägt. Jedes Mal, wenn ich mit einigen Tropfen Salzsäure den Unterschied zwischen „Dolomit“ und „Kalkstein“ demonstriere, wiederhole ich im Grunde das Experiment, mit dem zuerst Arduino und später Dolomieu den Dolomit erkannten: ein Gestein, das wie Kalkstein aussieht, jedoch härter ist und deutlich schwächer auf die Säure reagiert.

Doch kehren wir zur Frage zurück, warum sich hier oben Fossilien von Muscheln, Algen, Schwämmen, Korallen, Zähnen und Wirbeln mariner Reptilien, Spuren großer Landreptilien auf fossilen Stränden, Pflanzenreste, Bernsteintropfen und vieles mehr finden lassen. Auch hier können Intuition und genaue Beobachtung den entscheidenden Hinweis liefern. Ein Beispiel dafür ist Ferdinand von Richthofen. In jener Zeit, als Charles Darwin seine Arbeiten über tropische Inseln und Korallenriffe veröffentlichte, kam der junge Geologe Richthofen in die Dolomiten. Im Jahr 1860 erkannte er bei der Erforschung des Setsass, dass es sich um ein fossiles Riff handelte. Der Setsass ähnelt anderen Dolomitengipfeln, die zusammen ein Archipel fossiler tropischer Inseln bilden. Betrachtet man die Landschaft aus dieser Perspektive – etwa auf einer Landkarte oder auch auf Google Maps – lassen sich die ehemaligen Inseln noch heute erstaunlich gut erkennen. Perfekt erhaltene Inseln! Ganze Bauwerke aus tropischen Korallenriffen sind im Querschnitt sichtbar und erlauben es, die Geometrie der alten Riffe sowie die Übergänge zu den tieferen Meeresbereichen zu beobachten. Außerdem lassen sich alte Lavaströme bestaunen, man kann über Schichten vulkanischer Asche wandern oder in den „Lava-Kissen“ nach Amethysten suchen – Relikte vulkanischer Ereignisse, die das Archipel während des Trias-Zeitalters erschüttert haben.

Warum tropisch? Die Arten fossiler Organismen erinnern an Lebensräume mit warmem, tropischem Klima. Außerdem gilt es zu bedenken, dass es bis vor etwa 200 Millionen Jahren nur einen einzigen großen Kontinent gab: Pangaea. Das Gebiet der heutigen Dolomiten lag ungefähr in dessen Mitte, vor oder entlang der Ostküste

Wenn man sich umsieht, selbst im August mit warmer Jacke bekleidet, lautet die nächste Frage der Wanderer meist: Wie haben sich die Landmassen von den Tropen bis hierher verschoben? In einem erdbeben- und vulkanreichen Land zu leben hilft zumindest zu verstehen, dass die Erde ein dynamischer Planet ist. Sie besteht aus einer dünnen Hülle, der Erdkruste, die aus einzelnen Platten zusammengesetzt ist, die sich ständig bewegen. Über sehr lange Zeiträume können so ganze Gebiete von Süden nach Norden wandern. Die Erdplatten, die man als tektonische Platten bezeichnet, können auch aufeinanderprallen. Ein anschauliches Beispiel dafür ist die alpine Gebirgsbildung: Die Kollision der Afrikanischen mit der Europäischen Platte hob diese alten Küsten und Meeresböden auf über 3.000 Meter an. Aus den einstigen Korallenriffen wurden Berge. Auch dieses Ereignis lässt sich erkennen, wenn man durch Val Badia wandert und dabei die Gesteinsschichten betrachtet, die wirken als wären sie aus Plastilin geformt worden.

 

Und so wird das Gesamtbild immer klarer. Die Landschaft gibt Schritt für Schritt ihre Geheimnisse preis. Tatsächlich bietet auch die Morphologie der Landschaft, die Wanderer:innen sofort ins Auge fällt, einen weiteren intuitiven Zugang. Die Vielfalt der Landschaftsformen hängt von der Art des Gesteins ab, auf das Erosion und Vergletscherung im Laufe der Zeit eingewirkt haben. Die Diversität der Gesteinsarten wiederum ist das Ergebnis unterschiedlicher Lebensräume und geologischer Prozesse, die sich über Millionen von Jahren hinweg abgelöst haben.

Man spricht von geomorphologischer Vielfalt, die sich in vertikalen Felstürmen, ausgedehnten Hochplateaus, weiten Tälern, sanften Wiesen und von Gletschern geformten Mulden zeigt. Beispiele dafür sind Hochflächen wie Puez oder Fanes, isolierte Felstürme wie jene an der Cirspitze sowie Täler wie das Chedultal oder das Langental, die von den Gletschern des Quartärs modelliert wurden. Und so wird die Geologie in der Wärme der Stüa für alle zugänglich. Ich lade euch, liebe Leserinnen und Leser, ein, die vom Fenster eingerahmte Landschaft zu betrachten und sie wie ein Gemälde auf euch wirken zu lassen. Und wenn ihr unterwegs auf ein Fossil oder ein Mineral stoßt oder eines auf einem Regal in einer hochgelegenen Berghütte entdeckt, nehmt euch einen Moment Zeit, es aufmerksam zu betrachten. Denn ich kann euch versichern: Es sind nicht einfach „nur“ Steine …

Rossana Todesco lebt inmitten der Dolomiten, in Alta Badia. Ihren Leidenschaften – Felsen, Bergen und Tieren – ist sie schon immer gefolgt. Deshalb hat sie Geologie studiert, in einem naturwissenschaftlichen Museum gearbeitet und ist heute Bergbäuerin auf dem Hof der Familie ihres Mannes. Ihre Umgebung teilt sie gern mit anderen, sei es bei geführten Wanderungen oder bei lehrreichen Besuchen auf dem Bauernhof.

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