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Die Berge rufen und ich muss gehen

Text & Fotografien: Jasmine Deporta

Veröffentlicht am 26.06.2026

In den Berge zu wandern ist eine ganz eigene Art, Dinge wahrzunehmen: das wechselnde Licht auf den Felsen, die Stille eines Grats und die vielen kleinen Details, die dem Blick aus der Ferne entgehen. Jeder Schritt wird Teil eines Gesprächs mit der Landschaft. Wie John Muir es ausdrückte, sind Berge Orte, an denen man „lernt, langsam zu sehen“. Während ich mit Stift und Kamera in der Hand durch diese Gipfelwelt wandere, nehme ich mit jedem Schritt die feinen Veränderungen von Farbe und Licht wahr und halte immer wieder inne, um einzufangen, was beinahe zu fragil scheint, um in Worte gefasst zu werden.

Während ich weitergehe, wandert die Sonne über den Himmel und taucht die Gipfel in immer neue Nuancen von Beige, Rosé und tiefem Anthrazit. Hier wird die Reise nicht über Geschwindigkeit oder Entfernung definiert, sondern über Aufmerksamkeit – über die stille Beobachtung von Stein, Schatten und den allmählichen Übergängen von Tönen. Zwischen den zerklüfteten Graten und senkrechten Felswänden, die sich tausende Meter in den Himmel erheben, tauchen kleine grüne Stellen auf – manchmal nur ein einzelner Baum, der sich gegen den Fels behauptet. Spärliche Lebenszeichen, die die gewaltige Umgebung erst erfassbar machen und ihre skulpturalen Formen betonen. Jeder Grat scheint mit Präzision geformt und bildet eine Landschaft, die zugleich kraftvoll, vielschichtig abstrakt, aber auch zutiefst persönlich wirkt.

Entlang der Wege begegne ich anderen Menschen, ebenso klein vor der überwältigenden Kulisse, und Pferden, die sich ruhig durch das Gelände bewegen und im Einklang mit diesen Höhen leben – Gefährten in einer Welt, die zugleich gewaltig und von stiller Menschlichkeit erfüllt wirkt. Aufgewachsen in ihrer Nähe, lernte ich, dass man sie die „Bleichen Berge“ nennt. Ihre Oberflächen, aus unzähligen Grautönen zusammengesetzt, gleichen einer natürlichen Malen-nach-Zahlen-Leinwand. Hier zu Wandern wird zu einer behutsamen Übung des Wahrnehmens: die Neigung eines Felsens, die Art, wie das Sonnenlicht in einer Spalte verweilt, die beständige Präsenz der Gipfel selbst. Sie sind nicht nur Kulisse – sie sind Begleiter, die den Blick lenken und zur Reflexion über Formen, Farben und die Rhythmen dieser bemerkenswerten Landschaft einladen.

Jasmine Deporta, geboren 1989, ist eine multidisziplinäre visuelle Künstlerin, die hauptsächlich im Bereich der Fotografie arbeitet. Nach ihrem Abschluss in Design und Kunst an der Freien Universität Bozen absolvierte sie einen Master in Fotografie an der École Cantonale d’Art de Lausanne in der Schweiz, wo sie heute lebt und arbeitet.

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