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Das geheime Bündnis und Die Zwillingstöchter

Lesenswerte Legenden

Veröffentlicht am 25.11.2025

Eines Tages war der König jagen gegangen und auf den Auto Nuvoláu gekommen. Hier gelang es ihm, einen jungen Adler lebendig zu fangen und in seine Jagdtasche zu stecken. Kaum war das geschehen, da erschien in sausendem Fluge der alte Adler und wollte sich auf den König stürzen. Nur mühsam vermochte dieser mit vorgehaltener Speerspitze den mächtigen Raubvogel abzuwehren. Das Tier war so wütend, daß ihm Flammen aus dem Schnabel fuhren, es hatte aber auch große goldene Fänge, und dies schien dem König besonders merkwürdig. Als sich die beiden eine Zeitlang umeinander gedreht hatten, ohne den Kampf entscheiden zu können, da sprach der Adler: „Wenn du mir mein Junges zurückgibst, so will ich mit dir ein Bündnis schließen und du sollst so hoch vor den übrigen Fürsten einhergehen, wie ich vor den übrigen Raubvögeln!“ Da sprach der König: „So du ein Bündnis mit mir schließest, will ich dein Junges dir zurückgeben.“ Da sprach der Adler: „Das Bündnis soll gelten und soll bekräftigt werden durch den Zwillingstausch.“ Da sprach der König: „Was redest du von einem Zwillingstausch? – Ich kenne diesen Brauch nicht.“ Da sprach der Adler: „Man sieht, daß du kein Fàn bist, denn der Zwillingstausch wird überall geübt in den Bergen der Fànes: hat jemand Zwillinge, so gibt er eines der Kinder seinem Bundesbruder, dieser tut bei Gelegenheit ebenso und das Kind des einen wird ein Kind des andern; von alledem darf aber nichts gesprochen werden, denn der Zwillingsbund ist ein Geheimbund.“ [...]

[...] Da sprach der König: „Wenn es so ist, will ich gerne mit dir das Bündnis schließen, und sollte ich Zwillinge haben, dann wird das eine dir gehören.“ Drauf gab er dem Adler sein Junges zurück. Im ganzen Fànisreich erfuhr aber niemand von diesem Vorfall; selbst seiner Gemahlin sagte der König nichts.
Nach einiger Zeit geschah es, daß in der Königsburg der Fànes Zwillinge zur Welt kamen. Es waren zwei Mädchen, und sie sahen einander so gleich, daß man sie nicht unterscheiden konnte. Der König, der lieber Söhne gehabt hätte, betrachtete die Töchter mit Unmut. Aber er bezwang sich und gab ihnen Namen; die eine nannte er Luyànta, die andere Dolasílla.

Am nächsten Morgen, bei Tagesgrauen, als die Dienerinnen nach den Kindern sahen, zeigte sich etwas Seltsames: Dolasílla war unverändert, jedoch an Stelle von Luyànta lag in der Wiege ein weißes Murmeltierchen. Die Dienerinnen erschraken. Als sie aber den Vorfall der Königin berichteten, schien diese gar nicht erstaunt zu sein, sie meinte nur, man solle dem König vorläufig nichts davon mitteilen.

Eines Tages jedoch ließ der König seiner Gemahlin melden, daß er die Kinder zu einem Freunde schicken wolle, der sie zu sehen wünsche, das werde dem ganzen Reich Glück bringen. Gleichzeitig berief er einen Knappen zu sich und sagte ihm: „Morgen nachmittag nimmst du meine Kinder und reitest mit ihnen bis zum Fuße des Auto Nuwoláu; da wird ein großer Adler kommen und sich eines der Kinder holen; den Adler mußt du gewähren lassen; das andere Kind bringst du mir zurück. Du wirst allerhand Merkwürdigkeiten sehen, darfst aber niemandem ein Wort davon verraten; nach deiner Rückkehr gibst du an, das eine Kind sei dir von Räubern entrissen worden.“

Der Knappe vermochte nicht den Mund zu halten und erzählte das alles einer der Dienerinnen; diese aber sagte es weiter. Als auch die Königin davon erfuhr, ordnete sie an, man solle die Kleinen, die der Knappe forttragen werde, in Tücher einhüllen und in einen Korb legen, den Korb aber dem Knappen auf die Schultern binden, so daß er gar nicht wisse, was er trage; wenn er dann mit dem Murmeltierchen wieder zurückkäme, würde er glauben, der Adler habe es ihm hineingelegt.

Am nächsten Tage wurde alles so gemacht. [...]
[...] Erst spät, als die Sonne versunken war und es zu dämmern anfing, kam hoch über den Abgründen der Südseite der Adler angeschwebt und in einem großen Bogen ließ er sich nieder. Er zupfte mit seinen goldenen Fängen behutsam an den Tüchern, die den Korb verhüllten, und betrachtete erst Dolasílla, dann das Murmeltierchen.

Das Murmeltierchen erregte seine Aufmerksamkeit. Er meinte, es müsse etwas Besonderes sein, und darum beschloß er, das Murmeltierchen zu nehmen. Er wickelte es wieder ein, faßte es wie ein Bündel und wollte in hohem Fluge durch den Abendhimmel hinausgleiten. Weil aber das Murmeltierchen zu schreien begann und aus dem Tuchbündel herauszufallen drohte, so ließ sich der Adler in den Wänden der Südseite behutsam auf einem Vorsprunge nieder. Kaum hatte er das getan, so schlüpfte das Murmeltierchen heraus und verschwand in einer Felsspalte. Den Adler verdroß dies außerordentlich und er schämte sich sehr, denn er hatte das anvertraute Kind seines Verbündeten verloren.

Karl Felix Wolff, 1879 in Karlstadt/Kroatien – 1966 in Bozen, Sohn eines altösterreichischen, aus Troppau gebürtigen Offiziers und einer aus ladinischem Nonsberger Adel stammenden Mutter, lebte seit 1881 bis zu seinem Tod ununterbrochen in Bozen, von seinem Vater erzogen, als Volkskundler Autodidakt, von Beruf Journalist. Seinen Nachlass verwaltet das Forschungsinstitut Brenner-Archiv Innsbruck. Eine „Kritische Lektüre der Dolomitensagen von Karl Felix Wolff“ hat Ulrike Kindl veröffentlicht.

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