
Es war einmal ein Königreich im südlichen Alpenlande, reich, sorgenlos und alle Bewohner waren glücklich. Nur einer, der Königssohn war von einem sehnlichen Wunsch gequält: er wollte den Mond besuchen. Eines Tages hatte sich der Prinz auf der Jagd im Walde verirrt. Als es Abend wurde, legte er sich in einem mit blühenden Alpenrosen bewachsenen Hochtale im Rasen nieder, und hatte einen Traum: er begegnete auf einer mit seltenen Blüten übersäten Wiese einem wunderschönen Mädchen - der Tochter des Mondkönigs -; ihr schenkte er einen Strauß roter Alpenrosen. Als er erwachte, fühlte der Königssohn eine unbeschreibliche Freude. Der Mond stand hoch und sein silbernes Licht flutete um die zackigen Felsen. Da dachte er wie es wäre, wenn er wirklich der Mondprinzessin begegnen würde; sofort fing er an Alpenrosen zu pflücken. In der Ferne schien es ihm als höre er sprechen. Der Schall kam vom höchsten Felsturme herab, der in einer dichten weißen Wolke gehüllt war. Der Prinz näherte sich dieser Wolke und im Innern dieser traf er zwei meeralte Männer - zwei Mondbewohner -. Der Prinz erzählte ihnen, dass er seit Jahren den brennenden Wunsch hege, eine Mondreise machen zu können. Die beiden Männer nahmen den Königssohn mit auf den Mond.
Das Land, die Felswände der Berge, der kahle Boden, alles hier war weiß, und dazu trugen vor allem die kleinen weißen Blumen bei, welche in unabsehbarer Menge die Mondoberfläche bedeckten. Auch die Häuser und die Turmspitzen der Stadt waren weiß. Der Königssohn, der immer noch den roten Alpenrosen-Strauß in der Hand hielt wurde verwundert nach der Herkunft so schöner Blumen gefragt. Als er berichtete, dass er ein Erdbewohner sei, wurde er zum König geführt. Der Mondkönig war ein sehr alter Mann mit langem, silberhellem Barte; an seiner Seite stand seine Tochter. In dieser erkannte der Königssohn das schöne Mädchen, welches er im Traum erblickt hatte. Ihr schenke er den roten Alpenrosen-Strauß.
Der Königssohn weilte nun lange Zeit auf dem Mond doch von Tag zu Tag merkte er, dass der ungewohnte leuchtende Glanz der Mondlandschaft so sehr sein Augenlicht angreifte, dass er befürchtete blind zu werden. So fühlte er sich gezwungen auf die Welt zurückzukehren und nahm die schöne Mondprinzessin al Gemahlin mit. Sie unterschied sich von den irdischen Frauen nur dadurch, dass ein lichter Glanz von ihr auszugehen schien. Sehr erstaunt waren die Leute über die weiße Blume, welche die Prinzessin mitgebracht hatte: diese Blume verbreitete sich im Laufe der Zeit über die ganzen Alpen und noch heute blühen ihre hellen Sterne auf den hohen Felsen: man gab dieser Blume den Namen EDELWEIß
Die Prinzessin äußerte sich entzückt über die farbenreichen Wiesen, die blauen Bergseen und die grünen Wiesen; doch die finsteren Berggipfel, die wie riesenhafte Unholde sich gegen den Himmel reckten, lasteten auf der Seele der Prinzessin wie ein schwerer Kummer. So geschah es, dass sie an der Sehnsucht nach der weißen Mondlandschaft erkrankte und die Erde verlassen musste. In ihrer Heimat erholte sie sich sehr bald aber die Sehnsucht nach ihrem Gemahl auf der Erde war so groß, dass sie in Lebensgefahr schwebte. Genau so ging es dem Königssohn auf der Erde: er irrte nur noch ruhelos in den Wäldern herum und zur Vollmondzeit blickte er ohne zu ermüden zum Mond hinauf. Eines Abends traf er in einem Wald den König der Zwerge – der König der Salvans – der ihm von seinem traurigen Schicksal erzählte: sein Volke wurde von fremden Völkern besiegt und beraubt und nun irrten sie von Tal zu Tal ohne ein Unterkommen zu finden. Der Königssohn seinerseits erzählte auch dem Salvan sein Schicksal. Da schrie der „Zwergenkönig“ laut auf: „Prinz freue dich, wir sind beide gerettet!“ Er erklärte dem Prinzen, dass die Zwerge imstande wären die dunklen Felswände, welche so sehr die Mondprinzessin getrübt hatten, mit der Mondfarbe zu streichen, sodass die Prinzessin nie wieder Heimweh zum Mond haben werde. Der Königssohn müsse dem Zwergenvolk aber dafür die Erlaubnis zum Aufenthalt in seinem Reiche geben. So geschah es, dass die Zwerge sich im Reich ansiedelten und in der ersten Vollmondnacht begannen sie mit ihrer Arbeit: sieben Zwerge stellten sich im Kreis auf und fingen an seltsame Griffe zu tun: die kleinen Hände fuhren durcheinander wie die Wellen eines Sturzbaches; sie fingen an das Mondlicht zu spinnen. Nach einiger Zeit wurde im Mittelpunkt des Kreises ein Knäuel sichtbar, der einen milden Glanz ausstrahlte. Andere Zwerge fingen nun an die glänzenden Fäden von den Gipfeln über die Abhänge herunter zu ziehen; dann gingen sie um die Berge herum und hüllten diese so in ein Lichtnetz ein. Endlich waren alle dunklen Flächen verschwunden und das ganze Gelände strahlte ein weißes Mondlicht aus.
Der Prinz holte seine Gemahlin auf die Erde, welche nie wieder vom Heimweh erfasst wurde, denn nun war es im Land der bleichen Berge schöner als in ihrer Heimat.
Die bleichen Berge stehen noch heute und man nennt sie die DOLOMITEN. Das Königreich als solches ist längst zerfallen, doch die Salvans hausen immer noch in den Felsen und Wäldern dieser unsagbar schönen Gegend.
entnommen aus: Dolomitensagen - K.F. Wolf