Der Schatz der Heiligen Barbara
Eine halbe Gehstunde oberhalb von Wengen steht das Kirchlein zur Heiligen Barbara, das von dort oben weit ins Tal herunterschaut. Früher ging das Gerücht, dass in der Nähe dieser Kirche große Reichtümer verborgen seien, denn angeblich hätten die Edlen von Rü einige Jahrhunderte zuvor Geld und wertvollen Schmuck in die Erde gegraben.
So wie viele andere hatte auch ein Bauer, der im nahe gelegenen Weiler Rü wohnte, vom Schatz der Heiligen Barbara erfahren. Er hatte viele Kinder und daher alle Hände voll zu tun, um seine große Familie zu versorgen. Aber so sehr er sich auch von früh bis spät abrackerte, Geld war in seiner Brieftasche so gut wie nie zu finden.
Als er eines Abends wie gewohnt hundemüde nach Hause kam, schien alles den gewohnten Gang zu nehmen. Er setzte sich an den Tisch mit der dampfenden Muspfanne, um ihn seine Kinder, die auf den Vater gewartet hatten und nun endlich mit dem Essen beginnen durften. Nach dem Abendessen knieten alle auf dem Stubenboden, die Ellbogen auf der Ofenbank aufgestützt, und beteten den Rosenkranz. Und so seltsam es auch war: Gerade beim Aufsagen des Rosenkranzes fiel dem Bauern der Schatz der Heiligen Barbara ein. In jener Nacht drückte der Mann kein Auge zu, der Schatz wollte ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen. Ein einziger Gedanke hämmerte in seinem Kopf, von dem Augenblick, als er ins Bett stieg, bis zu den frühen Morgenstunden: „Wenn das wahr ist, was die Leute erzählen, und wenn ich das Glück hätte, das ganze Geld zu finden, dann wäre ich über Nacht ein reicher Mann“. Eines war ihm in jener Nacht klar geworden: Er würde sich auf die Suche nach dem Schatz machen.
Am Abend darauf, als alle schliefen, stieg er mit Pickel und Schaufel zum Barbara-Kirchlein hinauf. Es war eine stille und finstere Nacht, kein einziger Stern erhellte den Himmel. Dem Bauern kam alles so fremd und bedrohlich vor, doch die Aussicht, den verborgenen Schatz finden zu können, verlieh ihm Kraft und Mut zum Weitergehen.
Zur gleichen Stunde war in der Barbara- Kirche der Knecht des Wengener Gastwirtes tief in sein Gebet versunken. Er war heute etwas später als sonst dran, denn nach Feierabend hatte er sich zum Kartenspielen überreden lassen. Die Milchkannen hatte er vor der Kirche stehen lassen. Es dauerte nicht lange, und der Knecht wurde von dumpfen Schlägen aufgeschreckt, die nicht aufhören wollten, sondern immer näher und lauter wurden. War das ein Gespenst? Oder meldeten sich jetzt gar die Geister der Toten? Der Schrecken fuhr ihm durch alle Glieder, und nun ging alles sehr schnell: Er sprang auf, rannte aus der Kirche, stolperte über die Milchkannen, die er in der Eile natürlich vergessen hatte, und diese stürzten laut scheppernd über die steilen Anhänge unterhalb der Kirche.
Und unser armer Bauer, der unweit der Kirche nach dem sagenhaften Schatz grub? Dem fuhr das metallene Geräusch durch Mark und Bein. Das konnten nur die Geister der Edlen von Rü sein, die über den Schatz Wache hielten! Blitzschnell warf er Pickel und Schaufel weg und suchte das Weite. Er rannte um sein Leben, zunächst in Richtung des Weilers Cians und dann nach Hause. Dort kam er gegen Mitternacht an, schweißtriefend und kreidebleich im Gesicht. Seit jener Nacht hatte niemand mehr den Mut, den Schatz der Heiligen Barbara zu suchen, der bis zum heutigen Tag unter den Wengener Steilhängen ruht.
Texte: Lidia Zingerle
Zeichnungen: Emma Maneschg
www.uniunladins.it
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